Eine Reise durch die Physiologie - Wie der Körper des Menschen funktioniert
 

   
Physiologie der Sinnesorgane

  Innenohrschnecke bis Gehirn; Hörtests, ERA
© H. Hinghofer-Szalkay

Audiogramm, Audiometrie: audire = hören, γραφή = Aufzeichnung, μέτρον = Maß
Held'sche Endkelche: Hans Held
Heschl'sche Querwindung: Richard Heschl
Mikrophonpotentiale: μικρός = klein, φωνή = Laut, Ton, potentia = Stärke, Macht, Kraft, Leistung
Rinne-Test: Heinrich Rinne
Schwabach-Test: Dagobert Schwabach
Tonotopie: τόνος = Saite, Spannung; τόπος = Stelle, Ort
Weber-Test: Ernst Weber


Wie auch in anderen Sinnesbahnen, gibt es in der Hörbahn neben aszendierenden (zuleitenden) auch deszendierende (modifizierende) Fasersysteme. Dadurch kann die afferente Information modifiziert werden. Hauptstationen der subkortikalen auditiven Informationsverarbeitung sind
 -- die Cochleariskerne,

 -- die obere Olive,
 -- die unteren Vierhügel und
 -- die medialen Kniehöcker.
 
Sie alle enthalten auf bestimmte Aufgaben spezialisierte Nervenzellen, z.B. Seitenvergleich (Richtungshören) in der Olive oder Mustererkennung und Reflexmanagement in darüberliegenden Kernen.

Die kortikale Projektion erfolgt in die Heschl'sche Querwindung des Temporalhirns, in der - mit Frequenzabbildung (Tonotopie) ähnlich wie im Corti-schen Organ - Schwellen-, Zeit- und Frequenzanalysen sowie Seitenvergleiche und Erkennung von Reizformen (Vergleich mit abgespeicherten Mustern) erfolgen.

Zur Untersuchung des auditiven Systems kommen z.B. Stimmgabeltests, Audiografie (Ton-, Sprach- etc) und objektivierbare Messungen physiologischer Funktionszeichen - Impedanzaudiometrie, kochleäre Mikrophonpotentiale, oto-akustische Emissionen (TEOAE), Hirnstammpotentiale (BERA), akustisch evozierte Potentiale - in Frage.


Neuronale Verarbeitung akustischer Information Lokalisierung einer Schallquelle, räumliche Orientierung

   Tonotopie


Audiometrie Stimmgabeltestes, Luft- und Knochenleitung  Weitere Tests zur Überprüfung des Gehörs Core messages
   
Das auditive System der Informationsverarbeitung aus dem Innenohr hat aszendierende und deszendierende Teile; erstere Melden akustische Information an das Gehirn, letztere beeinflussen die Art und Weise, wie die Information übermittelt wird. Geräuschdetektion ist ein Teil der Mechanorezeption; Vibrationen in der Umgebung (auch im Körper selbst) werden wahrgenommen und dienen sozialer Kommunikation, räumlicher Orientierung, der Erkennung von Bewegungen und Gefahren. Das Gehirn analysiert Frequenzen, Intensitäten, Lokalisationen und Muster der akustischen Umgebung und reagiert darauf - mit unglaublicher Präzision und Geschwindigkeit.
 
Neuronale Verarbeitung akustischer Information
 
Unterer Hirnstamm  Tectum Hirnrinde
 
Alle Stationen der durch mehrere Unterbrechungen gekennzeichneten Hörafferenz weisen frequenzspezifische Strukturierung auf (tonotope Karten).
 
     Unter Tonotopie
versteht man eine Anordnung nach Schallfrequenzen in Innenohr und verschiedenen Stationen des auditiven Nervensystems. Tonotope Karten (tonotopic maps) repräsentieren dieses Strukturierungsprinzip - vom Corti'schen Organ bis zur Großhirnrinde.

Ein Charakteristikum der Geräuschlokalisierung des Hirnstamms sind große Axone (gehören zu den größten im gesamten ZNS) und Synapsen, was hohe Geschwindigkeit und Verlässlichkeit bei der Signalübertragung gewährleistet (z.B. Held-sche Endkelche im nucl. cochlearis ventralis: große präsynaptische Endigungen).
 
Unterer Hirnstamm 

 
Afferente Fasern aus dem Spiralganglion (ganglion spirale, Ansammlung bipolarer Nervenzellen im Modiolus, der zentralen Achse der  Innenohrschnecke) projizieren auf die Cochleariskerne, die etwa an der Grenze zwischen medulla oblongata und Pons liegen. Schon hier wird akustische Information rasch und präzise aufgearbeitet.
 
Die Mehrzahl der Neurone aus den nuclei cochleares ventralis und dorsalis projizieren auf den oberen Olivenkomplex - aus den dorsalen Kernen (denen auch somatosensible und vestibuläre Information zufließen) direkt zu den kontralateralen colliculi inferiores des Mittelhirns (untere Vierhügel - hier werden Reize von beiden Ohren abgegleichen und integriert) oder über Interneurone des lemniscus lateralis, von den ventralen Kernen jeweils beidseitig auf die oberen Olivenkerne (diese senden u.a. Axone zurück zu den äußeren Haarzellen der Cochlea und beeinflussen so auditive Verstärkung).
 
Diese Verschaltungen ermöglichen nicht nur eine präzise Schallortung, sondern auch prompte Reaktionen auf Schallreize, wie Orientierungsbewegungen (und damit Einstellen des Kopfes in Richtung zur Schallquelle, um das Gehörte auch sehen zu können) oder Fluchtbewegungen (auf unerwartete und bedrohliche Geräusche).
 
Von der Vierhügelplatte gelangt auditive Information weiter zu den medialen Kniehöckern (corpora geniculata mediales) des Thalamus, einiges auch zu Kleinhirn und formatio reticularis. Von hier geht es zum Hörzentrum des Großhirns (jeweils hauptsächlich von der Gegenseite).

  
Abbildung: Hörbahn
Nach einer Vorlage in Augustine / Groh / Huettel / LaMantia / White (eds), Neuroscience. Intl 7th ed. Oxford University Press 2024

Aufsteigende Bahnen blau, absteigende rot unterlegt. Die miteinander verknüpften Bahnen und Zentren verarbeiten Signale aus dem Gehörorgan und bringen einerseits Information zum Gehirn, andererseits Signale an das Mittelohr (m. stapedius und tensor tympani) und Innenohr (äußere Haarzellen). diese deszendierenden Projektionen verändern das Schwingungsverhalten der Gehörknöchelchen (m. stapedius über CN 7, m. tensor tympani über CN 5) sowie die Empfindlichkeit des Innenohrs (äußere Haarzellen).
  
Jede afferente Nervenfaser empfängt Impulse von einer oder einigen wenigen inneren Haarzellen (jede Haarzelle ist umgekehrt mit zahlreichen afferenten Fasern synaptisch verknüpft: wenige Sinneszellen projizieren auf viele afferente Nervenzellen). Die Information gelangt vom Corti-Organ über CN 8 zum Cochleariskern (anteroventraler, posteroventraler und dorsaler Anteil - in jedem davon tonotop angeordnet). Von hier geht es in
mehreren Ebenen (obere Olive, untere Vierhügel, medialer Kniehöcker des Thalamus) bis zur Hörrinde.
  
Neuronen aus dem dorsalen Cochleariskern projizieren direkt auf Zellen im kontralateralen colliculus inferior, oder über Zwischenneurone im lemnicsus lateralis. Fasern aus dem nucl. cochlearis ventralis kreuzen zum Teil die Seite und projizieren (über den kontralateralen Trapezkörper) auf die oberen Olivenkerne. Axone aus der Olive (und einige direkt aus den Cochleariskernen) bilden den Lemniscus lateralis und projizieren auf die unteren Vierhügel (colliculi inferiores).
  
Fasern kreuzen auf mehreren Ebenen die Seite - dies ist für das Richtungshören entscheidend (Seitenvergleich)

Beim Eintritt in die medulla oblongata teilen sich die afferenten Axone des Hörnerven auf und kontaktieren unterschiedliche spezialisierte Neuronen in den ipsilateralen Cochleariskernen. Einige dieser Neuronen antworten proportional entsprechend dem Aktionspotentialmuster ihrer Afferenzen ("primary like"), andere differentiell, d.h. nur auf Anfang und Ende ihres Reizes, wieder andere kontrastieren das Frequenzmuster durch laterale Inhibition. Von hier setzen mindestens vier verschiedene Projektionssysteme die Impulsleitung zu höheren Zentren fort.

Der nucl. cochlearis ventralis befasst sich mit Frequenzen und Zeiten. Dabei spielen drei Zelltypen - mit unterschiedlicher Architektur ihrer Dendritenbäume, was verschiedene Strategien der Informationsverarbeitung widerspiegelt - eine jeweils spezifische Rolle:
 
    Bushy cells projizieren beidseitig zur oberen Olive. Sie machen einerseits einen Lautheits-Seitenvergleich, andererseits vergleichen sie die Ankunftszeit der Aktionspotentiale von beiden Ohren.  Unterschiedliche Typen dieser Zellen kümmern sich dabei um unterschiedliche Tonhöhen.
 

    Stellate cells haben weit verzweigte Projektionen und codieren akustische Spektren, die für Schallmuster charakteristisch sind.
 
    Octopus cells projizieren auf  die kontralateralen Kerne des lemniscus lateralis und kümmern sich um Tonfolgen und akustische Unterbrechungen.

Diese Zellen sind untereinander verschaltet und extrahieren aus den Mustern der von den inneren Haarzellen des Corti'schen Organs kommenden Signale gemeinsam Kennzeichen der akustischen Umgebung.
 
  
Abbildung: Auf- und absteigende Systeme der Hörbahn
Modifiziert nach einer Vorlage in Kandel / Koester / Mack / Siegelbaum (eds), Principles of Neural Sciences, 6th ed. 2021 (McGraw Hill)

Die Mehrzahl der Projektionen ist exzitatorisch (farbige Linien), einige sind inhibitorisch (schwarz). Deszendierende Projektionen auf das Innenohr sind blau unterlegt


Der nucl. cochlearis dorsalis führt akustische und somatosensorische Informationen zusammen. Er enthält vor allem eine spezielle Neuronengruppe:

    Fusiform cells nehmen multisensorische Information auf und senden ihr Ergebnis an die unteren Vierhügel der Gegenseite.
 
Alle weiteren Kerne der Hörbahn erhalten Information von beiden Ohren. Die meisten ihrer Neuronen sind tonotop angeordnet; die Lautheit eines Tones wird sowohl über die Zahl reagierender Neurone als auch über deren Aktivität (Aktionspotentialfrequenz) abgebildet. Die Verarbeitung der auditiven Signale ist multipel und involviert unterschiedliche Zahlen an synaptischen Zwischenstationen.

Die obere Olive (superior olivary nuclei) wird von Neuronen der ventralen Cochleariskerne erreicht, wobei kreuzende Fasern den Trapezkörper bilden; in der Olive wurzelt der Lemniscus lateralis zur Vierhügelplatte.
 
Die obere Olive ist der erste Kern in der Hörbahn, auf den beide Ohren projizieren
   
Die obere Olive vergleicht Eingänge von beiden Ohren (Laufzeit, Intensität - die maximale Zeitdifferenz zwischen beiden Ohren beträgt beim Menschen 0,6 ms, die Schwelle zur Erkennung eines Unterschieds liegt bei 10 µs, was einem Raumwinkel von 1° entspricht) und dient dem Richtungshören. So können Schallquellen in der Umgebung präzise geortet werden.

Der medial-superiore Olivenkern (MSO in der Abbildung) nutzt dazu eine neuronale Karte von Laufzeitdifferenzen zwischen linkem und rechtem Hörorgan; diese Differenzen (ITD, interaural time differences) sind zu bestimmten Positionen von Schallquellen (in der Horizontalebene) korreliert. Der MSO erhält exzitatorische glutamaterge Impulse beidseitig (ipsi- und kontralateral) von den Cochleariskernen und glycinerge inhibitorische (rot) vom medialen Kern des Trapezkörpers (MNTB).

Der lateral-superiore Olivenkern (LSO in der
Abbildung) orientiert sich an Lautheitsdifferenzen für die Ortung von Schallquellen in der Horizontalebene (Frequenzen >2 kHz). Der neuronale Schaltkreis für diese Ortsdetektion inkludiert den medialen Trapezkörper (MNTB, medial nucleus of trapezoid body); dieser wird vom kontralateralen Cochleariskern angeregt und inhibiert glycinerg die Olivenkerne. Der LSO erhält exzitatorische Impulse vom ipsilateralen Cochleariskern und inhibitorische vom ipsilateralen medialen Kern des Trapezkörpers, er analysiert Unterschiede der Lautheit (ILD: interaural level differences). LSO-Neurone werden von ipsilateralen akustischen Reizen angeregt, von kontralateralen gehemmt.

Der obere Olivenkernkomplex
sendet absteigende Fasern zur Gehörschnecke (blau in der Abbildung). Diese cholinergen olivo-cochleären Efferenzen dienen der Rückkopplung: Axone der Neuronen des medialen olivo-cochleären Bündels schalten vorwiegend auf kontralaterale äußere Haarzellen und hyperpolarisieren diese (das verringert die Empfindlichkeit des Hörorgans und wirkt schützend bei lauten Schallreizen), die des lateralen Bündels auf ipsilaterale Afferenzen von inneren Haarzellen (dieser Mechanismus unterstützt die Balance der Empfindlichkeit der beiden Hörorgane).

Die von den Cochlearis- und Olivenkernen zum Zwischenhirn aufsteigenden Fasern bilden den lemniscus lateralis. Dieser enthält eine weitere Zwischenstation der Hörbahn - Kerne des lemniscus lateralis (nuclei lemnisci lateralis ventralis & dorsalis). Auf Neurone des ventralen Kerns projizieren Fasern aus dem kontralateralen ventralen nucl. cochlearis ( Abbildung); Neurone im dorsalen Kern empfangen Impulse aus den Olivenkernen und sind bilateral verschaltet. Beide projizieren auf die unteren Vierhügel, teils inhibitorisch; die funktionelle Bedeutung dieser Verschaltungen ist noch unklar.

Mehrere inhibitorische Neuronen in der Hörbahn dienen der Modifizierung bzw. Kontrastierung akustischer Signale, die zum Gehirn geleitet werden. Beispielsweise können im Bereich der unteren Vierhügel ankommende Erregungsmuster (z.B. bei einem plötzlich auftretenden Geräusch) die Verarbeitung unmittelbar darauf folgender Signale unterdrücken. Dieser Präzedenzeffekt (Gesetz der ersten Wellenfront, precedence effect) ist ein sogenanntes psychoakustisches Phänomen. Er erleichtert u.a. die Unterscheidung des Schalls, der von der Originalquelle stammt (und als erster am Ohr ankommt), von Echoeffekten (die später eintreffen).

 
Vierhügelplatte (Tectum)
 
Alle aufsteigenden Hörbahnfasern konvergieren zu den unteren Vierhügeln (colliculi inferiores) des Mittelhirns. Diese nehmen eine zentrale Position in der Analyse und Verwertung akustischer Muster ein. Sie entwerfen räumliche Konzepte, die sie an die oberen Vierhügel zum Zweck visueller Zuordnungen weiterleiten.

Die unteren Vierhügel empfangen eine Vielzahl
  exzitatorischer (aus nuclei cochleares, oberen Olivenkernen, Lemniskuskernen, kontralateralen colliculi, Hörrinde) und
  inhibitorischer Impulse (aus lateralen Lemniskuskernen, ipsilateraler oberer Olive, kontralateralem colliculus inferior).
 
Organisiert sind die colliculi inferiores in Zonen (zentraler Kern, dorsaler und externer Cortex). Diese sind tonotop angeordnet und haben unterschiedliche funktionelle Fähigkeiten (z.B. horizontale oder vertikale Ortung von Schallquellen).


Die Vierhügelplatte analysiert Zeitdifferenzen und ordnet Schallquellen räumlich zu, und beteiligt sich an der Kontrolle von Bewegungen, die den Blick und die Kopfhaltung zur jeweils interessierenden Schallquelle orientieren - rascher als neu aufgetauchte Reize in das Bewusstsein gelangen, also noch vor der Möglichkeit einer telencephalen Analyse.
Vierhügelplatte und Thalamus (dessen corpus geniculatum mediale - medial geniculate nucleus MGN - projiziert auf die Hörrinde) übernehmen Mustererkennung, Auslösung akustischer Fluchtreflexe etc, bevor die aufgearbeitete Information dem primären Hörzentrum zufließt.
  
Neuronen der unteren Vierhügel projizieren
auch
auf die oberen Vierhügel (colliculi superiores), die nicht nur der Verarbeitung retinaler Informationen dienen, sondern auch akustische und optische Sinnesinformationen vergleichen,
  auf das Kleinhirn, das akustische Reize motorisch beantwortet.
 
    Zwischen der Innenohrschnecke und dem auditiven Cortex erfolgen mindestens vier Umschaltungen. Dabei bleibt der Frequenzbezug vom entsprechenden Ort der Innenohrschnecke bis zur entsprechenden kortikalen Abbildung erhalten.
 
Das Ansprechverhalten der Neuronen in der Hörbahn wird mit ihrer Position z.T. zusehends komplexer; so reagieren bestimmte Zellen im corpus geniculatum auf spezifische Schallmuster (z.B. Vokalisierung) statt auf simple Tonfrequenzen.
 
Großhirnrinde
    

Abbildung: Hörrinde
Nach einer Vorlage bei Guyton and Hall, Textbook of Medical Physiology, 15th ed. Elsevier 2026

Die primäre Hörrinde (blau) liegt im oberen Temporallappen; auf sie projizieren Impulse aus dem corpus geniculatum mediale (medialer Kniehöcker). In den meisten Fällen (nicht immer) werden hohe Schallfrequenzen in posteriore und niedrige in anteriore Gebiete der Hörrinde projiziert. Im primären auditiven Cortex sind mehrere (mindestens 6) tonotope Karten beschrieben worden; wahrscheinlich kümmern sich diese um spezifische Aspekte der Schallmuster (z.B. Richtung der Schallquelle, Klangqualität). Ein einseitiger Defekt in diesem Bereich bewirkt keine Taubheit, sondern nur geringe Hörschwäche im kontralateralen Ohr - aber das Richtungshören ist stark beeinträchtigt. Dieses Ausfallmuster erklärt sich mit zahlreichen neuronalen Seitenkreuzungen des Hörbahnsystems.
 
Die sekundäre Hörrinde (auditiver Assoziationscortex, rosa) empfängt Projektionen aus der primären Hörrinde und auch aus Thalamusgebieten, die in der Nachbarschaft des medialen Kniehöckers liegen. Läsionen im Bereich der sekundären Hörrinde wirken sich nicht auf das Hörvermögen aus, sondern beeinträchtigen die Fähigkeit zur Erkennung der Bedeutung akustischer Reizmuster (z.B. Worte). Das Wernicke'sche Sprachzentrum ist Teil des auditiven Assoziationscortex, sein Ausfall führt zu "Hörblindheit"


Die Hörrinde A1 ist nicht nur tonotop organisiert, ihre Neurone repräsentieren auch zahlreiche weitere Eigenschaften:
 
  Einige werden durch Signale von nur einem Ohr, andere von beiden Ohren
angeregt.
 
  Einige sprechen auf zeitliche Abstände zwischen akustischen Ereignissen, andere vorwiegend auf Bandbreite, Lautheit oder Frequenz an.
 
  Wieder andere erkennen Tempo und Richtung von Frequenzmodulation (z.B. ansteigende oder sinkende Frequenzen).
 
Solche Kennzeichen werden zur Erkennung komplexer Schallmuster genutzt (z.B. bei der Sprachanalyse).


  
Abbildung: Auditiver (auditiver) Cortex
Nach einer Vorlage in Carlson NR / Birkett MA, Physiology of Behavior, 12th ed. Pearson 2017

A1 = primäre Hörrinde (core auditory cortex), A2 = sekundäre Hörrinde (belt auditory cortex), A3 = tertiäre Hörrinde (parabelt auditory cortex).
 
Ähnlich wie im visuellen System sind die Informationsflüsse im auditiven System in Bahnen organisiert: Der vordere Pfad (anterior stream) beginnt in der vorderen Region des tertiären Hörzentrums (A3), nimmt Verbindung zum unteren frontalen Cortex auf und ist an der Analyse komplexer Geräuschmuster beteiligt. Der hintere Pfad (posterior stream) beginnt in der hinteren Region von A3, projiziert auf den Parietallappen und prämotorischen Cortex und beschäftigt sich mit der Ortung von Schallquellen


Das primäre Hörzentrum im Schläfenlappen ( Abbildung: auditory cortex A1, core region, auditiver Cortex, Brodmann-Areal 41, Heschl'sche Querwindung , gyri temporales transversi, planum temporale) liegt hinter dem sulcus lateralis verborgen.
Das Wernicke-Areal (Sprachverständnis) liegt direkt hinter dem primären auditiven Cortex.

Das primäre Hörzentrum ist in der linken Hemisphäre stärker ausgeprägt als auf der Gegenseite ( s. dort) und besteht seinerseits aus mehreren Subregionen, von denen jede eine komplette tonotope Karte
der Innenohrschnecke enthält.

Auch im
corpus geniculatum mediale erfolgt eine tonotope Projektion von der Innenohrschnecke; in den Schichten III und IV der sechsschichtigen Hörrinde erfolgen - räumlich separiert - Analysen der Aktivierungsschwelle, der Wechselwirkung zwischen beiden Ohren, der Latenzzeit und der jeweiligen Frequenzanteile. Rindengebiete mit Empfindlichkeit für niedrige Frequenzen (helikotremanahe Cochleastrecken) liegen anterior, auf höhere Frequenzen reagierende posterior.
 
Um die primäre Hörrinde liegen auditive Rindengebiete höherer Ordnung (A2: "sekundär", belt region; A3: "tertiär", parabelt region). A2 enthält mindestens sieben Abschnitte, die sowohl von A1 als auch von dorsomedialen Teilen des corpus geniculatum mediale Projektionen erhalten. Auf A3 schließlich pojizieren Axone aus A2 sowie ebenfalls aus dem corpus geniculatum mediale.

In den auditiven Zentren befinden sich nicht nur Neurone mit hoher Reizselektivität, diese Areale sind auch Ausgangspunkt für Bahnen der Informationsverarbeitung, die sich mit dem "WAS" (anteriorer Pfad zum Frontalhirn) und "WO" (posteriorer Pfad zum Parietalhirn) beschäftigen (Abbildung), ähnlich wie bei der Analyse visueller Reize (s. dort). Parietale Nachbargebiete des auditiven Cortex beschäftigen sich mit der Lokalisation und Bewegung akustischer Reize, ventral-temporale mehr mit deren Identifikation.
 
  
Abbildung: Verarbeitungswege visueller und auditiver Information
Nach einer Vorlage in Carlson NR / Birkett MA, Physiology of Behavior, 12th ed. Pearson 2017

Primatengehirn. Die Verarbeitungswege für "WO"-Information konfluieren zum Parietallappen - es wird gleichzeitig geprüft, wo sich die Ursache optischer und akustischer Reizquellen befinden. Auch erfolgt parallel Projektion in das Frontalhirn (präfrontaler Cortex).
 
Die "WAS"-Information wird im Temporallappen bearbeitet


Der auditive Cortex vermittelt einerseits Rückkopplung zu motorischen Rindengebieten, die für korrektes Sprechen notwendig (und bei sensorischer Aphasie gestört) ist; andererseits reduziert er die Wahrnehmung der eigenen Stimme beim Sprechen (beginnend einige Zehntelsekunden vor Beginn der Vokalisierung, ausgehend vom Broca-Areal), was vermutlich den Störeffekt der eigenen Stimme beim Hören reduziert.
 
Efferenzen (absteigende Systeme) modifizieren die Aktivität in Innenohr und Hörbahn: So projizieren Neuronen der Hörrinde auf corpus geniculatum und colliculi inferiores, obere Oliven und Cochleariskerne, äußere Haarzellen und Afferenzen von inneren Haarzellen. Der auditive Cortex moduliert so die Bearbeitung der Innenohrsignale in subkortikalen Stationen der Hörbahn.
  
Lokalisierung einer Schallquelle

Beim Menschen wird Information über die Position einer Schallquelle in der Vertikalen eher von Signalen aus einem Ohr (monaural) gewonnen als durch Seitenvergeich (binaural). Dies hängt mit den akustischen Besonderheiten der Ohrmuschel zusammen. Wie im vorigen Kapitel beschrieben, kann das Gehirn schon Laufzeitdifferenzen zwischen direkt eintreffendem und an der Ohrmuschel reflektiertem Schall eines Ohres zur vertikalen Lokalisation einer Schallquelle heranziehen.
  
 
Abbildung: Lokalisierung einer Schallquelle
Nach einer Vorlage in Carlson NR / Birkett MA, Physiology of Behavior, 12th ed. Pearson 2017

Die Quelle niedrig- bis mittelfrequenten Schalls kann über die Ermittlung von Phasendifferenzen geortet werden. In diesem Beispiel handelt es sich um einen reinen Ton von 1 kHz Frequenz (bei Luftleitung entspricht das einer Wellenlänge - der Entfernung der Druckmaxima - von etwa 33 cm). Die unterschiedliche Distanz der Luftmoleküle ist in dierser schematischen Darstellung (stark übertrieben) mit schwarzen Punkten angedeutet - liegen sie näher beieinander, ist der Schalldruck höher, liegen sie weiter voneinander entfernt, ist er niedriger als der durchschnittliche Luftdruck.
 
Links: Die Schallquelle befindet sich auf der Seite. Das linke und das rechte Trommelfell werden von der Druckphase unterschiedlich erfasst (asymmetrische Reizung).
 
Rechts: Die Schallquelle befindet sich vor der Person. Das linke und das rechte Trommelfell werden von der Druckphase symmetrisch beeinflusst 


Die Schallortung in der Horizontalebene beruht vor allem auf einem Vergleichs der Signale von beiden Ohren. Beim binauralen Hören sind es vor allem Unterschiede (links vs. rechts) in der Lautheit (interaural level difference ILD: interaurale Lautheitsdifferenz) und der Laufzeit des Schalls (interaural time difference ITD: interaurale Laufzeitdifferenz), die auf die relative Position der Schallquelle zum Kopf hinweisen und vom Hirnstamm analysiert werden (s. weiter unten). Diese Hinweise werden vermutlich im Mittelhirn (colliculi inferiores) zu einem Bild der Orte von Schallquellen im umgebenden Raum rekombiniert.
 
  
  Abbildung: Schallortung in der Horizontalebene
Nach einer Vorlage in Boron / Boulpaep: Concise Medical Physiology, Elsevier 2021

Das Signal der beiden Ohren wird im Gehirn abgeglichen.
 
Töne mit einer Schwingungsfrequenz ab zweitausend Hertz (2-20 kHz) werden über den Unterschied der Lautstärke detektiert (oben): Die Intensität ist auf der Seite, die der Schallquelle zugewandt ist, größer als auf der Gegenseite ("Schallschatten").
 
Bei Tönen unterhalb zweitausend Hertz ist der Abstand zwischen den Druckwellen groß genug, um den Seitenunterschied des Eintreffens der Wellen (Laufzeitdifferenz) als Kriterium für die Ortung der Schallquelle heranzuziehen (unten).
 
In diesem Beispiel (Ton mit 200 Hz) sind die einzelnen Druckwellen 172 cm voneinander entfernt. Der Kopf ist etwa 20 cm breit; die beiden Druckfronten treffen mit einem Zeitunterschied von 0,6 ms an den Ohren ein. Die Schallquelle liegt rechts vom Kopf (90°); bei einer Position von 45° würde die Laufzeitdifferenz etwa 0,3 ms betragen


Die Übertragung der akustischen Information aus der Gehörschnecke beginnt mit dem Hörnerven (N. cochlearis - früher: acusticus -, Teil des VIII. Hirnnerven); dieser enthält 95% gut myelinisierte afferente Fasern von inneren Haarzellen und 5% schwach myelinisierte von äußeren Haarzellen. Der Hirnstamm vergleicht die Abbildungen des Schalls in den beiden Innenohrschnecken.
 
Laufzeitdifferenz, mediale oliva superior
 
Bei einer Distanz der Ohren von ~20 cm ergibt sich bei einer seitlich gelegenen Schallquelle (in Luft) für die Ankunft einer Welle ein Unterschied von etwa 0,6 Millisekunden (liegt die Schallquelle direkt vor oder hinter dem Kopf, kommt die Welle auf beiden Seiten gleichzeitig an). Tatsächlich liegt das Auflösungsvermögen bei etwa 2 Bogengrad Winkelunterschied; das heisst, das menschliche Ohr kann Laufzeitdifferenzen von ~0,01 Millisekunden detektieren. Dieses Prinzip lässt die Ortung von Frequenzquellen zu. Die obere Olive enthält Neurone, die auf die Erkennung bestimmter Laufzeitdifferenzen (links <-> rechts) spezialisiert sind.

Bei tieferen Tönen - unter 2 kHz - ist die Wellenlänge größer als der Kopfdurchmesser. Hier analysiert das Gehirn vor allem den zeitlichen Unterschied, mit dem die einzelnen Druckwellen an der linken und der rechten Cochlea eintreffen (Laufzeitdifferenz, interaural time difference ITD, interaural delay).
Dafür gibt es Axone mit besonderen Eigenschaften: Sie zählen zu denen mit dem größten Durchmesser im ZNS, haben hohe Leitungsgeschwindigkeit, vergleichsweise enorme (bis >15 µm Durchmesser) synaptische Endigungen (Held'scher Endkelch, calyx of Held ) und garantieren damit besondere Verlässlichkeit der Datenübertragung.
 
 
Abbildung: Koinzidenzdetektion zur Analyse der akustischen Laufzeitdifferenz durch die mediale obere Olive
Nach einer Vorlage in Augustine / Groh / Huettel / LaMantia / White (eds), Neuroscience. Intl 7th ed. Oxford University Press 2024

In diesem Beispiel liegt das linke Ohr näher an der Schallquelle als das rechte und wird von der Schallfront zuerst erreicht. Die Neurone (hier mit A bis E bezeichnet) im medialen oberen Olivenkern (medial superior olive MSO) werden von der linken und der rechten Cochlea über unterschiedlich lange Laufstrecken afferenter Nervenfasern synaptisch kontaktiert. A wird vom linken Ohr am frühesten erreicht, E vom rechten Ohr.
 
Die Koinzidenzdetektion erfolgt nach dieser Modellvorstellung in folgender Weise: Die postsynaptischen Neurone des
MSO feuern nur, wenn die Aktionspotentiale der präsynaptischen (afferenten) Fasern von beiden Seiten gleichzeitig eintreffen (dann wird der postsynaptische Effekt überschwellig). Koinzidenz ergibt sich jeweils bei einer bestimmten Laufzeitdifferenz des Schalls zum linken vs. rechten Ohr.
 
Beispielsweise erhält Neuron A einen Reiz vom linken Ohr zuerst, das entsprechende Aktionspotential vom rechten Ohr braucht zu ihm am längsten. Bei Neuron E ist es umgekehrt; Neuron C würde aktiviert, wenn die Schallquelle mittig vor dem Kopf liegt. So berechnet der MSO aus den Laufzeitdifferenzen der Schallübertragung (indem bestimmte Zellen erregt werden) die Richtung der Schallquelle in Relation zur Position des Kopfes


Diese Analyse erfolgt im Bereich der Brücke (pons) in der Nähe des Trapezkörpers. im medialen Teil des oberen Olivenkerns (MSO, medial superior olive). Die in diesem Kern untergebrachten Neurone (A-E in der Modellvorstellung der  Abbildung) empfangen die Signale von der linken und der rechten Cochlea mit unterschiedlichen neuronalen Zeitverzögerungen. Sie sind so angeordnet, dass sie von den Aktionspotentialen bei jeweils einer bestimmten Zeitdifferenz des Eintreffens des Schalls am linken vs. rechten Ohr gleichzeitig erreicht werden. Diese Neuronen in der MSO sind also auf bestimmte Laufzeitdifferenzen des Schalls "getunt", wenn sie erregt werden, entspricht das einer bestimmten horizontalen Position der Schallquelle. Der MSO funktioniert als Koinzidenzdetektor.
  
  Lautheitsdifferenz, laterale oliva superior
 
Bei zunehmend höheren Frequenzen - ab 2 kHz - spielt der Intensitätsunterschied (ILD: interaural level difference) die Hauptrolle für die Richtungsdetektion: Der Kopf schwächt den Schall auf der Seite, die der Schallquelle abgewandt ist, ausreichend stark ab ("Schallschatten"), dass das an das Gehirn gesendete Signal hier merklich schwächer ausfällt. Die Schallquelle liegt also auf derjenigen Seite, wo die Cochlea stärker gereizt wird. (Liegt die Schallquelle genau vor dem Kopf, ergibt sich keine Intensitätsdifferenz, die Seitengleichheit wird als "vorne" wahrgenommen  - Abbildung):
 
 
Abbildung: Lautheitsvergleich zur Lokalisation einer Schallquelle
Nach einer Vorlage in Augustine / Groh / Huettel / LaMantia / White (eds), Neuroscience. Intl 7th ed. Oxford University Press 2024
  Links: Eine Versuchsperson versucht, die Position einer vor ihr liegenden Schallquelle (die sie nicht sehen kann) zu identifizieren.
 
Mitte und rechts: Neuronen im lateralen oberen Olivenkern (LSO) codieren die Lokalisation der Schallquelle über interaurale Intensitätsdifferenzen. Diese Neuronen erhalten vom gleichseitigen Cochleariskern direkte anregende Impulse, von der Gegenseite inhibitorische Impulse via Interneurone aus dem MNTB (medial nucleus of trapezoid body). Dadurch werden die ipsilateralen MSO stark angeregt. Schall von vorne (0°) oder der Gegenseite unterdrückt hingegen diese Neurone. Dieses Funktionsmuster gilt spiegelbildlich für die Gegenseite


In beiden Fällen - Analyse von Intensitäts- oder Laufzeitunterschieden - kann eine Zuordnung in der Sagittalebene schwierig sein. Die Gestalt der (nach vorne orientierten) Ohrmuschel hilft, Schall von hinten etwas abzuschächen (im Vergleich zu Schall von vorne), vorne-hinten- Verwechslungen sind dennoch relativ häufig.

Die Codierung bestimmter Reizeigenschaften ändert sich, je weiter man im Hörbahnsystem aufsteigt. Repräsentieren Neurone der Hörnerven bestimmte Frequenzen bzw. deren Intensität, können zentrale Neuronen multidimensionale Selektivität aufweisen, z.B. reagieren sie nicht nur auf bestimmte Frequenzen, sondern auch auf Lautstärke, spektrale Bandbreite, zeitliche Struktur, räumliche Zuordnung.
 
Räumliche Orientierung

 
Ausgeprägte Divergenz ermöglicht die parallele Verarbeitung der aufgenommenen Schallinformation auf mehrere Kerne des Hirnstamms. So wird auch ein intensiver Seitenvergleich des afferenten Informationsstroms vorgenommen, was dem Richtungshören zugute kommt.

Bei kontinuierlichen Tönen funktioniert dieses Prinzip nicht; allerdings kann das Gehör auch Phasenunterschiede erkennen, die eintreten, wenn die Schallquelle nicht in der Sagittalachse liegt - insbesondere bei niedrigfrequenten Tönen. Für höhere Frequenzen sind die auftretenden Unterschiede zu kurz.

All diese Prinzipien gelten für Unterschiede in der Horizontalen (die Ohren liegen nebeneinander). Die Analyse der Lage einer Schallquelle in der Vertikalen kann so nicht erfolgen; hier hilft die Art, wie Schallwellen an der Ohrmuschel reflektiert werden ( s. dort). Bedingt durch deren Anatomie ist die Schallwellenreflexion je nachdem, wie hoch / wie tief die Schallquelle relativ zum Kopf liegt, unterschiedlich; die Laufzeitdifferenz wird einer bestimmten Lage der Schallquelle zugeordnet. Zusätzlich hilft, dass höherfrequenter Schall von oben leichter in das Ohr eindringt als von unten.

Zur Orientierung, woher ein Schall kommt, tragen auch weitere Hinweise bei, wie Reflexionen und Nachhall (raumakustische Indices), Änderungen von Laufzeit, und Intensitätsdifferenzen bei Kopfbewegungen (dnamische Indices) oder Variationen der Klangfarbe.
 
  
Testung des Hörvermögens
 
Schwerhörigkeit kann im Bereich des Trommelfells, der Gehörknöchelchen, des Innenohrs, des N. acusticus oder im Gehirn seine Ursache haben. Durch subjektive und objektive Untersuchungen versucht man, die Lokalisation der Störung zu finden.
 
  
Abbildung: Hörverlust-Diagramm (Tonaudiometrie)

Reduktion der audiometrisch bestimmten Empfindlichkeit bis -40 dB gilt als geringer, bis -70 dB als moderater Hörverlust. Ab -70 dB ist der Hörverlust schwer, ab -90 dB sehr schwer


 
  Die Bestimmung des Hörvermögens für Geräuschmuster und Tonfrequenzen nennt man (Ton-, Sprach- etc.) Audiometrie, das Prüfergebnis ein Audiogramm . Bei der Audiometrie werden definierte Schallreize über Kopfhörer vorgespielt und Reizschwellenwerte und akustisches Verständnis überprüft.

Ton (schwellen) audiometrie
benützt reine Töne (definierte Frequenz), die entsprechend der Empfindlichkeit des Ohres (
s. dort) mit unterschiedlicher Schallintensität angeboten werden. Das Audiogramm stellt die Abweichung von der normalen Frequenzempfindlichkeit bei den jeweiligen Frequenzen dar, ist also im Idealfall eine Linie bei "Abweichung null" (weniger als 20 dB Hörverlust, Abbildung).

Besonders wichtig ist der Hauptfrequenzbereich der Stimme und Sprache (250-3000 Hz); sie wird insbesondere mit der
Sprachaudiometrie getestet.

Einfache Tests sind Flüsterproben sowie die klassischen
  
Stimmgabelversuche
 

Diese Tests erlauben auf einfache Weise eine Differentialdiagnostik zwischen Störungen der Schallleitung - insbesondere im Mittelohr - und der Schallempfindung (insbesondere das Innenohr betreffend). Dabei wird Luftleitung (über äußeres Ohr und Gehörknöchelchenkette) von Knochenleitung - bei Aufsetzen einer schwingenden Stimmgabel auf das Mastoid (Warzenfortsatz des os temporale) unterschieden. Schallempfindungs-Schwerhörigkeit geht mit Verschlechterung sowohl der Luft- als auch der Knochenleitung einher ( Abbildung):
   

Abbildung: Testung der Schalleitung mittels Stimmgabelversuchen
Nach einer Vorlage in Greenberg / Aminoff / Simon, Clinical Neurology, 11th ed. Lange McGraw Hill 2021

Der Weber-Versuch prüft auf Symmetrie, der Rinne-Versuch, ob die "Luftleitung länger ist als die Knochenleitung" - d.h. die Person die Stimmgabel, die vor dem Ohr gehalten wird, länger schwingen hört als wenn sie an den Mastoidknochen angelegt wird


  Beim Weber-Test wird die schwingende Stimmgabel median auf den Scheitel gesetzt ( Abbildung) und auf Symmetrie geprüft (Ton “im Kopf” oder seitenverlagert?). Normalerweise hört man den Ton auf beiden Seiten gleich laut (symmetrische Reizverteilung).

Bei
Innenohrschaden verlagert man die Tonwahrnehmung auf die gesunde Seite, da hier die Übertragung auf neurale Erregung besser funktioniert. Bei einer einseitigen Störung der Schalleitung hingegen wird der Ton auf die geschädigte Seite lateralisiert, da einerseits weniger Schallenergie über das kranke Mittelohr abgestrahlt wird, andererseits hier die Sinneszellen empfindlicher geworden sind (adaptiert haben).

 
Menschen mit Schallleitungs-Schwerhörigkeit (Mittelohr) lateralisieren zur kranken Seite, solche mit Schallempfindungs-Schwerhörigkeit (Innenohr) zur gesunden Seite
 
    Der Rinne-Test vergleicht die “Luft”- und “Knochenleitung”: Als Luftleitung bezeichnet man die Übertragung von Schallenergie über die Gehörknöchelchenkette, als Knochenleitung die Schalleitung direkt durch den Schädelknochen (Basis der Stimmgabel auf processus mastoideus).

Wird die Stimmgabel bei Anlegen an den Schädelknochen (
Abbildung) nicht mehr gehört, sollte sie über die Luftleitung des äußeren Gehörganges immer noch hörbar sein ("Luftleitung länger als Knochenleitung", "Rinne positiv") - auch bei Innenohrschädigung (Impedanzanpassung durch das Mittelohr).
 
Bei Schallempfindungs-Schwerhörigkeit (Ursache meist im Innenohr) ist der "Rinne-Test positiv"
   
Bei gestörter Schallleitung, z.B. einer Mittelohreiterung, ist das nicht der Fall ("Rinne negativ"): Hier wird umgekehrt die "Knochenleitung besser (länger) als die Luftleitung", man spricht von einer Schallleitungsstörung, z.B. bei eitriger Mittelohrentzündung.
 
Bei "negativem Rinne-Test" liegt meist eine Störung der Schallleitung vor (z.B. otitis media)
   
Eine Kombination beider Versuche (Weber + Rinne) kann sowohl die Seite einer Hörschädigung als auch deren Ursache eingrenzen. Eine vergleichende Tonschwellenaudiometrie (Luft- und Knochenleitung) kann dies noch genauer.
 
    Der Schwabach-Test vergleicht das Hörvermögen von Patient und Untersucher (unter der Annahme, dass die untersuchende Person über ein normales Hörvermögen verfügt).
   
Weitere Tests zur Überprüfung des Gehörs
 
    Bei Beschallung des Ohres wird der Großteil  der Energie von Trommelfell und Mittelohr absorbiert; der akustische Widerstand (die Impedanz) des Übertragungsapparates reflektiert einen kleinen Teil. Diesen misst die Impedanzaudiometrie (Tympanometrie): Sie ermittelt das "Schallecho". Dieses ist durch die mechanischen Eigenschaften des Schallleitungsapparats beeinflusst.

     Cochleäre Mikrophonpotenziale können in der Nähe des foramen rotundum abgeleitet werden und geben Aufschluss über die Intaktheit des Corti-Organs (vor allem der äußeren Haarzellen).

     Funktionstest der äußeren Haarzellen: Ein mit einem reinen Ton beschalltes Ohr antwortet kurzzeitig - aufgrund der Verstärkungsfunktion äußerer Haarzellen - mit oto-akustischen Emissionen (OAEs, transient evoked oto-acoustic emissions, TEOAEs). Diese können mit hochempfindlichen Mikrofonen registriert werden.

Die Ableitung solcher - z.B. auf einen Klick auftretenden - Signale (mittels in den äußeren Gehörgang eingeführten Mikrophons) dient als objektiver Hörtest (Mitarbeit der untersuchten Person nicht notwendig) und wird u.a. bei Neugeborenen verwendet (Screening auf Schwerhörigkeit).
 
  
Abbildung: Hirnstammaudiometrie
Nach einer Vorlage bei Waxman SG, Clinical Neuroanatomy, 28th ed. McGraw-Hill Lange 2017

Eine computergenerierte Serie zahlreicher Klicks wird über Kopfhörer angeboten und die EEG-Strecken für jeweils 10 folgende Millisekunden aufgezeichnet.
  
Die Mittlung dieser Strecken ergibt eine Serie von 7 Wellen, von denen die ersten fünf neuronalen Aktivitäten im Hirnstamm zugeordnet werden können (Innenohr, Cochleariskerne, oberer Olivenkomplex, lemniscus-lateralis-Kern, Vierhügelplatte).
  
 Die Wellen 6 und 7 werden durch Signalverarbeitung im Thalamus (medialer Kniehöcker) und Projektion auf die auditive Rinde hervorgerufen.
  
Diese 7 Wellen treten innerhalb der ersten Hundertstelsekunde nach Erklingen des akustischen Reizes auf


       Die Bestimmung akustisch evozierter Potenziale (AEP) aus Hirnstromableitungen (Elektroden am Mastoid) ermöglicht eine objektive Funktionstestung des auditiven Systems auf der Ebene des Zentralnervensystems. Wenn die zentralnervösen Signale der Norm entsprechen, liegt weder eine Störung des Hörorgans noch der Signalverarbeitung - zumindest bis auf kortikale Ebene - vor.

Akustisch evozierte Potentiale gehören in die Gruppe ereigniskorrelierter Potentiale. Das heißt, sie werden nach mehrfacher (hier ~103) Wiederholung eines definierten Sinnesreizes (hier: Klicklaut) aus der Aufzeichnung konsekutiver EEG-Strecken durch deren Mittelung (nicht mit dem Reiz korrelierte Zufallswellen werden eliminiert) dargestellt (averaging). Das ist notwendig, da die Wellen des Spontan-EEG viel intensiver sind als die relativ schwachen reizkorrelierten Potentialschwankungen, die dargestellt werden sollen.

Die frühen Anteile der EAPs (frühe akustisch evozierte Potentiale, FAEP) stammen von neuronaler Aktivität in der Hörbahn (cochlea, Hörnerv, nucl. olivaris superior, lemniscus lateralis, colliculus inferior) und sind diagnostisch besonders aufschlussreich. Ihre Messung wird auch als BERA (brainstem evoked response audiometry, Hirnstammaudiometrie) bezeichnet
( Abbildung), denn die Potentialverläufe spiegeln die akustische Informationsverarbeitung im Hirnstamm wider.
 
Hirnstammanteile akustisch evozierter Potentiale treten bereits wenige Millisekunden nach Reizbeginn auf
 
Man spricht von frühen akustisch evozierten Potentialen, weil sie noch vor Befassung des Großhirns auftreten. Sie lassen eine Differentialdiagnose zwischen kochleären und "retrokochleären" Hörstörungen zu (objektiver Hörtest - ERA: evoked response audiometry). 
 
Späte Anteile der AEPs können bis zu ~1 Sekunde nach Reizbeginn nachklingen. Sie stammen von nachgeschalteten Verarbeitungsprozessen auf Großhirnebene.
 
         
  Über akustisch evozierte Potentiale s auch. dort

Kontraktion der Mittelohrmuskeln (m. tensor tympani, m. stapedius) verringert die Schallübertragung and das Innenohr; reflektorisch schützt dies bei Lärm vor Überreizung. Lähmung dieser Muskeln (z.B. bei Fazialisparese → Inaktivierung des Stapedius) führt zu Hyperakusis, d.h. pathologischer Feinhörigkeit (Lärmempfindlichkeit).
 

 
      Präzise Verarbeitung auditiver Information auf mehreren Ebenen ermöglicht prompte Reaktion auf Schallreize (Orientierungs-, Fluchtbewegungen): Cochleariskerne - schon hier mit spezialisierten Zellpopulationen -, obere Olive - erhält nur (gekreuzte) Fasern aus dem nucl. cochlearis ventralis, vergleicht Eingänge von beiden Ohren und dient dem Richtungshören -, Lemniscus lateralis (von Olive), Vierhügelplatte - alle aufsteigenden Teile der Hörbahn konvergieren auf die unteren Vierhügel -, mediale Kniehöcker des Talamus, Heschl'sche Querwindung - tonotope Projektion. Zwischen der Innenohrschnecke und dem auditiven Cortex erfolgen mindestens vier Umschaltungen
 
      Absteigende Fasern modifizieren die Aktivität in Innenohr und Hörbahn: Die Hörrinde projiziert auf corpus geniculatum und colliculi inferiores, der Hirnstamm auf äußere Haarzellen
 
      Jedes Neuron im Spiralganglion reagiert auf eine bestimmte Frequenz. Das Ansprechverhalten der Neuronen in der Hörbahn wird mit ihrer Position zusehends komplexer - z.B. im corpus geniculatum auf Schallmuster, die beim Vokalisieren auftreten. Ausgeprägte Divergenz ermöglicht die parallele Verarbeitung der aufgenommenen Schallinformation auf mehrere Kerne des Hirnstamms. Seitenvergleich dient dem Richtungshören, Laufzeitdifferenzen von ~0,01 Millisekunden reichen dazu schon aus (obere Olive). Ortsunterschiede in der Vertikalen werden über Reflexionsmuster an der Ohrmuschel ermittelt; auch dringt höherfrequenter Schall von oben leichter in das Ohr ein als von unten
 
      Einfache Tests des Hörvermögens sind Flüsterproben sowie die klassischen Stimmgabelversuche: Weber-Test (schwingende Stimmgabel median auf dem Scheitel, Prüfung auf Seitenverlagerung), Rinne-Test (schwingende Stimmgabel abwechselnd auf processus mastoideus und vor äußerem Gehörgang, vergleich "Knochen-" und "Luftleitung"), Schwabach-Test (Vergleich Hörvermögen untersuchende / untersuchte Person). Diese Tests erkennen Störungen von Schallleitung und Schallempfindung: Beim Weber-Test lateralisieren Menschen mit Schallleitungs-Schwerhörigkeit (Mittelohr) zur kranken Seite, solche mit Schallempfindungs-Schwerhörigkeit (Innenohr) zur gesunden Seite. Bei Schallempfindungs-Schwerhörigkeit (Ursache meist im Innenohr) ist der "Rinne-Test positiv", bei "negativem Rinne-Test" ist die Schallleitung gestört (z.B. otitis media)
 
      Audiometrie ist die Bestimmung des Hörvermögens für Geräuschmuster (Sprachaudiometrie: Hauptfrequenzbereich 250-3000 Hz) und reine Töne. Definierte Schallreize werden über Kopfhörer eingespielt und Reizschwellenwerte / akustisches Verständnis überprüft. Das Resultat einer Tonaudiometrie nennt man Audiogramm: Dieses stellt die jeweilige Frequenzempfindlichkeit dar, Abweichungen werden - für Testfrequenzen getrennt - als Hörverlust in dB angegeben
 
      Impedanzaudiometrie (Tympanometrie) ermittelt den akustischen Widerstand, der bei Beschallung des Ohres auftritt ("Schallecho") und die mechanischen Eigenschaften des Schallleitungsapparats widerspiegelt

      Cochleäre Mikrophonpotentiale werden in der Nähe des foramen rotundum abgeleitet und geben Aufschluss über die Intaktheit vor allem der äußeren Haarzellen. Das Ohr wird mit einem reinen Ton oder Klick beschallt und sendet schwache Schallimpulse zurück (oto-akustische Emissionen OAEs, registrierbar mit hochempfindlichem Mikrophon), bedingt durch die Verstärkungsfunktion äußerer Haarzellen (objektiver Hörtest, z.B. als Neugeborenenscreening auf Schwerhörigkeit)
 
      Hirnstammaudiometrie (BERA, brainstem evoked response audiometry): Eine Serie von Klicks wird über Kopfhörer eingespielt, synchrone Mittelung der folgenden EEG-Strecken (Millisekunden) ergibt akustisch evozierte Potenziale (AEP), entsprechend Reaktionen in Innenohr, Cochleariskernen, oberer Olive, Vierhügelplatte, medialem Kniehöcker und Hörrinde (objektive Funktionstestung des auditiven Systems)
 

 




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