Respirationssystem und Atemgastransport


Atemmechanik: Welche Kräfte bedingen die Ein- und Ausatmung?


 
© H. Hinghofer-Szalkay

Boyle-Mariotte-Gesetz: Robert Boyle, Edme Mariotte
Donders'scher Druck: Franciscus Donders
Phrenikusnerv: φρήν = Seele, Geist, Gemüt (im Plural: Zwerchfell)
Pleura: πλευρά = Flanke, Seite; seit dem Mittelalter: Brustfell
Pneumothorax: πνευμα = Luft, Geist, Atem, θώραξ = Brustkorb
Surfactant:
surface active agent
Valsalva-Versuch: Antonio Valsalva



Dass die Lunge die Tendenz hat, sich wie ein angespanntes Gummiband zusammenzuziehen (Retraktion), hat zwei Gründe: Erstens verfügt sie über ein Netzwerk elastischer Fasern, die umso stärker gedehnt sind, je tiefer die Einatmung ist; und zweitens übt die Grenzfläche zwischen Luft und Flüssigkeit an der Innenwand der Alveolen eine Oberflächenspannung aus - in Richtung Verkleinerung der Alveolarbläschen. Wäre die Lunge nicht im Thorax "aufgespannt", würde sie kollabieren.

Auf diese Weise balancieren sich zwei Kräfte: Pulmonale elastische Retraktion (nach innen) und eine - bei Atemruhe gleich große - Haltekraft des Thorax nach außen. Im ausgeatmeten Ruhezustand ist dies ein "passives" Kräftgleichgewicht (resultierend in der ausgeatmeten Atemruhelage).

Bei der Einatmung kommt eine aktive Komponente (Kontraktion von Zwerchfell, Zwischenrippenmuskeln) dazu, die Position des Systems verschiebt sich - dabei wird die Lunge entfaltet und stärker gedehnt. Ausatmung erfolgt, wenn die Muskelkomponente wieder wegfällt (Relaxation).

Nachdem die Lunge nach innen und der Thorax nach außen ziehen, ergibt sich zwischen ihnen eine Zugkraft, die in einem Unterdruck im Pleuraspalt (mittels Ösophagussonde bestimmbar) zum Ausdruck kommt: Der intrathorakale (Donders'sche) Unterdruck.

Die Mechanik des Systems besteht aus einer Lungen- und einer Thoraxkomponente. Letztere ist im Zustand der Atemruhe passiv-elastisch, bei Einatmung kommt die Kraft der Inspirationsmuskeln dazu. Aus der Lungencompliance und der Thoraxcompliance ergibt sich die Dehnbarkeit des gesamten Respirationsapparates. Darüber geben verschiedene Methoden Aufschluss:

Die Spirometrie misst (atembare) Volumina, die Pneumotachographie Strömungsgeschwindigkeiten, die Ganzkörperplethysmographie (indirekt) den Alveolardruck. Forcierte Aus- oder Einatmung hat Auswirkungen auf Kreislaufgrößen (Valsalva-, Müller-Versuch) - der Zeitverlauf der Effekte erlaubt Rückschlüsse über die Regulation von Blutdruck und Herzfrequenz. 
 

Übersicht Oberflächenspannung Einatmung   Ausatmung pulmonale Compliance  Dynamische Atemwegskompression Valsalva- und Müller-Test



>Abbildung: Druckzyklen in Alveolen und Pleuraraum bei ruhiger Atmung
Nach einer Vorlage bei basicmedicalkey.com

Der äußere Luftdruck (pB) ist im Regelfall konstant. Der Luftdruck im Alveolarraum (pA) ändert sich bei Vergrößerung (Inspiration) oder Verringerung des Lungenvolumens (Expiration, Pressen). Der Druck in Pleura (pIP) / intrathorakal (Donders'sche Druck) ergibt sich aus lungenseitigen Komponenten (Luftdruck im Alveolarraum, Retraktionskräfte durch elastische Fasern und Oberflächenspannung) und thoraxseitigen Kräften (Retraktionskraft in Richtung passive Ruhelage des Thorax, Kräfte aus der Atemmuskulatur)

Im ausgeatmeten Ruhezustand (links) besteht ein passives Kräftegleichgewicht zwischen Lunge (Zug nach innen) und Thoraxwand (Zug nach außen), Alveolar- und Außendruck sind gleich groß; der Pleuradruck liegt 2 mmHg unter dem Luftdruck. Bei der Einatmung (oben) kommt die Kraft der Inspirationsmuskeln dazu, welche den Thorax erweitert - Pleura- und Alveolardruck sinken, Luft strömt ein.
Im eingeatmeten Ruhezustand (rechts) besteht wiederum ein Kräftegleichgewicht, Alveolardruck und Außendruck sind gleich groß, der Pleuradruck ist erniedrigt (hier: um 4 mmHg). Bei der Ausatmung (unten) läßt die entfaltende Kraft der Inspirationsmuskeln nach, die Lunge retrahiert sich, Pleura- und Alveolardruck steigen, Luft strömt aus

Voraussetzung für jede Strömung - Einatmung (Inspiration), Ausatmung (Exspiration) - ist ein Druckunterschied, hier zwischen Alveolen und Außenluft: Je größer dieser ist, und je kleiner der Widerstand für die Strömung (Bronchienweite), umso leichter bewegt sich die Luft (Strömungsgesetz). Die Veränderung der Atemvolumina erfolgt durch die Tätigkeit der Atemmuskulatur (hauptsächlich Zwerchfell und Interkostalmuskulatur).

 

<Abbildung: Mechanik des Thorax-Lungen-Systems
Nach
: Praktische Physiologie, 1. Auflage, Brüder Hollinek 1982

Passives Kräftegleichgewicht bei "E" (expiratorische Ruhestellung, Atemruhelage).
           
Der Zug der Inspirationsmuskulatur verändert das Gleichgewicht zu "I" (inspirierte Position). Läßt die aktive Komponente des Muskelzugs wieder nach, stellt sich das passive Kräftegleichgewicht wieder ein

Die Lunge kann an der Brustwand mit geringem Widerstand Gleitbewegungen durchführen, weil sich zwischen ihnen der mit einer geringen Menge Flüssigkeit gefüllte Pleuraspalt befindet. Der Lungenzug wirkt sich im Pleuraspalt als Unterdruck aus und beeinflusst das umliegende Gewebe im Brustraum (=intrathorakalen Raum).

Der Druck im Pleuraraum ist die Summe aus Dehnungs- und Alveolardrucken. Er kann indirekt in der Speiseröhre gemessen werden (intra-ösophagealer Druck). In Atemruhelage beträgt der Pleuradruck minus 3 cm H2O, im eingeatmeten Zustand bei ruhiger Atmung minus 6-8 cm H2O.
   
Zwei (bei Atemruhelage etwa gleich starke) Kräfte ziehen die Lunge zusammen:


      Die Wirkung elastischer Fasern in Lungengewebe und Pleura

      Die Oberflächenspannung in der Wand der Alveolen


>Abbildung: Druck-Volumen-Dynamik bei normaler Atmung
Nach einer Vorlage bei Pearson Education 2010

Der Druck im Pleuraspalt (intrapleuraler Druck) ergibt sich aus lungenseitigen und thoraxseitigen Kräften. Im ausgeatmeten Ruhezustand besteht ein passives Kräftegleichgewicht zwischen Lunge (Retraktionskraft, Zug nach innen) und Thoraxwand (reaktiv-elastischer Zug nach außen). Dazu kommt z.B. bei der Einatmung Muskelkraft (Inspirationsmuskeln: Zwerchfell, mm. intercostales externi), welche den Thorax nach außen aufspannt (vergrößert). Das erzeugt den für die Einatmung nötigen Unterdruck im Alveolarraum (subatmosphärischer intrapulmonaler Druck), das Atemzugvolumen strömt in die Lunge ein

Bei der Ausatmung zieht die Lunge den Thorax in die Ausgangslage zurück, der Alveolarraum wird kleiner und der intrapulmonale Druck vorübergehend positiv, was die Ausatmung verursacht. Der intrapleurale Druck bewegt sich normalerweise im subatmosphärischen Bereich (Donders'scher Unterdruck), kann aber auch positive Werte annehmen, z.B. beim Pressen


Die Oberflächenspannung im Alveolarbereich wird durch Surfactant (oberflächenaktive Phospholipide) in den Alveolen auf ≈1/3 des sonst herrschenden Wertes gesenkt (abhängig von Schichtdicke des Flüssigkeitsfilms und damit von der Atemtiefe). Alveolarepithelzellen (Typ II) produzieren Surfactant als phospholipidhältige Lamellenkörper (lamellar bodies) und geben diese an den Flüssigkeitsfilm ab, der die Alveolen überzieht. Die Freisetzung wird durch Dehnung angeregt, wie sie bei tiefen Atemzügen auftritt.
 
Surfactant ist für die Entfaltung der Lunge nach der Geburt von entscheidender Bedeutung: Neugeborene mit mangelnder Bildung von Surfactant leiden unter dem idiopathischen Atemnotsyndrom (Membransyndrom, infant respiratory distress syndrome, RDS): Die Lungen entfalten sich nur unzulänglich, Alveolen füllen sich nicht mit Luft, es kommt zu Sauerstoffmangel (Hypoxie).

 
<Abbildung: Rippenbewegung
Nach einer Vorlage bei basicmedicalkey.com

Man kann die laterale Erweiterung unterer Thoraxpartien mit der Bewegung eines Kübelgriffes (links) und die sagittale mit der eines Pumpenschwengels vergleichen (rechts) - "bucket-handle, water-pump-handle effect"



In Atemruhelage balancieren sich die nach innen (Lunge) und nach außen gerichteten Kräfte (Thorax, Zwerchfell) aus.

  Einatmung (Inspiration)

Bei der Atmung verändern sich Volumen und dadurch Druck (Boyle-Mariotte-Gesetz : Bei konstanter Temperatur bleibt das Produkt aus Volumen und Druck konstant).

Volumenanstieg und Druckabnahme. Das Zwerchfell (Diaphragma) kontrahiert sich und flacht ab, d.h. seine Kuppel rückt nach unten, die äußeren Zwischenrippenmuskeln (mm. intercostales externi) heben die Rippen und erweitern so den Brustkorb. Der Thorax erweitert sich nach vorne und zur Seite, die Lunge vergrößert sich nach allen Richtungen. Das Lungenvolumen nimmt dadurch zu, der Druck in den Alveolen ab (konstantes [p x V], Boyle-Mariotte-Gesetz).

Das Zwerchfell wird vom Phrenikusnerven aus dem Halsbereich des Rückenmarks gesteuert. Bei hoher Querschnittslähmung mit Tetraplegie bleibt es funktionsfähig und ermöglicht die Atemtätigkeit über “Bauchatmung”. Die Inspirationsmuskulatur des Thorax ist in diesem Zustand gelähmt.

Der abnehmende Druck im Alveolarraum erzeugt einen Druckgradienten,
und Luft strömt in die Lunge (Einatmung, Inspiration).

Die Inspirationsmuskeln erhöhen die
Rückstellkräfte wie bei stärkerem Spannen eines Gummibandes. Diese Kräfte werden bei der Ausatmung genützt:


>Abbildung: Respiratorische Volumina und Drucke
Nach einer Vorlage in answers.com

RV = Residualvolumen (Luftvolumen, das bei maximaler Ausatmung in der Lunge verbleibt)
  Ausatmung (Exspiration)

Volumenabnahme und Druckanstieg.
Erschlaffen die Inspirationsmuskeln, stellt sich das ursprüngliche Kräftegleichgewicht ein: Die Lunge rückt in die Ausgangsstellung zurück. Mit zunehmender Ausatmung steigen die nach außen wirkenden Rückstellkräfte des Thorax, während der elastische Lungenzug immer geringer wird, der Thorax zieht das System in die Ausgangslage zurück.

Die elastische Retraktion der Lunge reicht für eine ruhige Ausatembewegung aus (Druckgradient ≈0,2 kPa).

Pressen: Bei forcierter oder tiefer Exspiration hingegen werden die Bauchdecken angespannt (z.B. bei Husten, Pressen, Niesen, Singen, Schreien), wodurch im Bauchraum ein Überdruck entsteht (bis zur Höhe des arteriellen Blutdrucks), der das Zwerchfell nach oben schiebt. Auch ziehen die rückwärtigen Anteile der inneren Zwischenrippenmuskeln die Rippen nach unten und innen.

Bei ruhiger Atmung betragen die Druckschwankungen in den Alveolen einige cm H2O (=Zehntel kPa). Die Luftströmung erreicht bei ruhiger Atmung einen Höchstwert von <1 Liter pro Sekunde, bei forcierter Exspiration oder Inspiration (intensives Luftschnappen) ein Vielfaches davon (Strömungsgeschwindigkeiten beim Niesen oder Husten bis zu mehreren hundert Stundenkilometer - dies löst Schleim und Fremdkörper von der Wand der Luftwege und reißt sie mundwärts).

Wiederholtes starkes Husten kann das Herzzeitvolumen senken, was bis zu Bewußtlosigkeit (Synkope) führen kann (Valsalva-Manöver, s. unten).


 
Dehnbarkeit (Compliance = Volumen / Druck):


<Abbildung: Compliancekurven des respiratorischen Systems
Modifiziert nach einer Vorlage bei Beachey W: Respiratory care anatomy and physiology, 2nd ed, Mosby
St. Louis 2007

Passives Druck-Volumen-Verhalten (Compliance) ohne Muskelbeteiligung. Ordinate: Lungenvolumen, Abszisse: transmuraler Druck

FRC = funktionelle Residualkapazität (Luftmenge, die sich bei ausgeameter Ruhelage in der Lunge befindet - passives Kräftegleichgewicht)    Zur Aufrechterhaltung des Kräftegleichgewichts beim jeweiligen Lungenvolumen ist der jeweils angegebene transmurale Druck notwendig

Durchgezogene Kurve: Gesamtsystem Thoraxwand + Lunge

A: Stark ausgeatmeter Zustand, Rückstellkraft des Thorax nach außen überwiegt im passiven Kräftespiel, ohne Muskelwirkung entfaltet sich das System (Einatmung)
    B: Gleichgewichtspunkt (Atemruhe)    C: Thoraxwand entspannt, nur Einwärtskraft der Lunge wirkt (exspiratorisch)    D: Stark eingeatmeter Zustand, sowohl Thorax als auch Lunge wirken in Richtung Retraktion, ohne Muskelwirkung retrahiert das System (Ausatmung)

Grüner Pfeilkopf: Totalkapazität; blauer Pfeilkopf: Residualvolumen

Thoraxwand und Lunge sind durch den Pleuraraum mechanisch (druckmäßig) zu einem Gesamtsystem verknüpft. Die Kurve des Gesamtsystems ist S-förmig, die Compliance (Volumen / Druck) ist in Mittellage am größten (beste Dehnbarkeit).

Die Compliancekurve der Lunge  beginnt bei 0% Vitalkapazität bereits bei einem transmuralen Druck von ≈5 cm H2O (0,5 kPa), d.h. die Lunge ist auch schon bei dieser niedrigen Füllung bestrebt, sich zusammenzuziehen - je größer das Volumen, desto stärker wird der Zug nach innen, die Compliance nimmt dabei zusehends ab.

Die Tabelle zeigt typische Compliancewerte für den mittleren Dehnungs (Inspirations) bereich:

 
Compliance Lunge (L)
Compliance Thoraxwand (Th)
Compliance Atemapparat (L+Th)
2,6 l/kPa
2,6 l/kPa
1,3 l/kPa

Die Thoraxwand ist bei demjenigen Zustand entspannt, der einem transmuralen Druck von Null entspricht. Ist das Volumen kleiner, strebt die Thoraxwand nach Erweiterung (negativer transmuraler Druck nötig), ist es größer, nach Retraktion (positiver transmuraler Druck).

Die Compliance zu bestimmen, kann klinisch wichtig sein: Abnahme der Volumendehnbarkeit erzwingt gesteigerte Atemarbeit (z.B. bei Lungenentzündung, restriktiven Lungenerkrankungen, Lungenödem). Die Compliance kann bei Lungenemphysem hingegen erhöht sein, weil in diesem Fall das Gewebe "ausgedünnt" und leichter dehnbar ist.

  Der Thorax (ohne Muskelaktivität) hat eine Ruhelage, die er (für sich alleine) spontan einnimmt (Abb.: Inset C), entsprechend einer mäßigen Inspirationslage (Compliancekurve bei null transmuralem Druck). Wird er verkleinert, hat er das Bestreben, sich zu erweitern (nach außen gerichtete Pfeile in A und B), wird er weiter expandiert, hat er das Bestreben, kleiner zu werden (nach innen gerichteter Pfeil in D)

  Die Lunge hat ein Druck-Verhalten wie ein elastischer Ball; ihr Inhalt nimmt mit steigendem Füllungsdruck zu. Auf sich alleine gestellt würde sie sich praktisch vollständig zusammenziehen (kollabieren); das geschieht bei einem Pneumothorax

  Das Gesamtsystem (Abb.: durchgezogene Kurve) ist in Atemruhelage im Kräftegleichgewicht und enthält definitionsgemäß die funktionelle Residualkapazität (FRC, roter Punkt): Hier sind die nach außen (Thorax) und innen (Lunge) gerichteten Kräfte im Gleichgewicht: Strichlierte und punktierte Compliancekurven weisen denselben transmuralen Druckbetrag auf - Thorax negativ, Lunge positiv, die Druckbeträge kompensieren einander, Pfeile im Zustand "B" (gleicher Abstand des roten Punkts zu Thorax- und Lungenkurve)
 
Quantifizierung der Compliance erfordert Volumen- (Spirometrie) und Druckmessungen:

  Der intrathorakale (Donders'sche
) Druck kann mittels Ösophagussonde ermittelt wderden (die Speiseröhre durchzieht den Donders'schen Raum); der intrathorakale Druck liegt normalerweise unter dem Umgebungsdruck, da die Lungen einen Sog am Pleuraspalt ausüben.

  Der Alveolardruck kann mittels Ganzkörperplethysmographie ermittelt werden.


>Abbildung: Dynamische Atemwegskompression
Nach einer Vorlage bei Pryor JA (ed) Respiratory care. Elsevier Edinburgh 1991


"Momentaufnahme" des Ablaufs während einer forcierten Exspiration, wie z.B. während eines Hustenstosses. Der pleurale Druck beträgt in diesem Beispiel 20 cmH2O - bedingt durch die Kraft der Exspirationsmuskeln (auch höhere Beträge sind möglich) -, die elastische Retraktionskraft der Lunge 5 cmH2O. Damit beträgt der periphere (Alveolar-) Druck 25 cmH2O, und der Druckgradient bis zum Mundraum (0 cmH2O) 25 cmH2O

Ab einer Zone, wo der Außen- und Innendruck der Luftwege gleich groß ist (hier 20
cmH2O), ist der transmurale Druck nach innen gerichtet und die Wand der Atemwege wird nach innen komprimiert. Die Verengung erhöht den Strömungswiderstand, je enger die Luftwege, desto stärker (dynamischer Kollaps, Kompression). Das hat zur Folge, dass die Atemstromstärke mit zunehmendem Alveolardruck (wie bei einem Starling-Resistor) nicht weiter zunimmt

Dynamische Atemwegskompression: Wie in der >Abbildung dargelegt, werden bei forcierter Ausatmung durch den Anstieg des Donders'schen Drucks über den Betrag des atmosphärischen Drucks hinaus die Atemwege komprimiert. Im Alveolabereich kommt zu diesem positiven Druck die elastischer Retraktionskraft des Lungengewebes dazu, die Alveolen bleiben geöffnet (in diesem Beispiel: +25 cmH2O in den Alveolen, 20 cmH2O außen).

Auf der Strecke zwischen Alveolen und Trachea bzw. Pharynx besteht ein Druckgradient; der Innendruck wird proximalwärts immer geringer, bis ein Punkt mit gleichem Druck erreicht ist (equal pressure point), und ab dieser Stelle sinkt der intrabronchiale Druck unter den Betrag des Donders'schen ab - der transmurale Druck wird also negativ -, und die Luftwege kollabieren (teilweise). Der Kollaps erhöht den Strömungswiderstand, und die Strömungsgeschwindigkeit kann auch bei zunehmendem Pressdruck nicht weiter ansteigen.

 


<Abbildung: Valsalva-Versuch
Nach einer Vorlage in answers.com / blood pressure

Während des Pressens (Druckmessung an Mundstück) nehmen venöser Rückstrom und kardiale Vorlast ab (gelbes Feld), Schlagvolumen und arteieller Blutdruck sinken. Der Baroreflex hebt die Herzfrequenz, was den weiteren Blutdruckverlauf normalerweise stabilisiert (kreislauflabile Patienten können das Bewußtsein verlieren und kollabieren)

Bei Beendigung des Pressens steigt zunächst das venöse Blutangebot an das rechte Herz (rosa Feld), was sich auf den Blutdruck nicht unmittelbar auswirkt. Erreicht das erhöhte Blutangebot aus dem Pulmonalkeislauf das rechte Herz, nehmen Schlagvolumen und arterieller Druck stark zu (grünes Feld)

  Bei forcierter Atmung ändern sich die Druckwerte wesentlich stärker als bei Spontanatmung:

     Versucht man - Nase und Mund geschlossen - mit größter Kraft einzuatmen, so kann der Druck in Lunge und Pleuraspalt bis auf -120 cm H2O absinken (Müller-Versuch). Klinisch kann dieses Verfahren Aufschluss über allfällige Schwächen im Bereich der oberen Luftwege geben, der Versuch dient u.a. zur Aufklärung von Ursachen einer Schlafapnoe.

     Beim Pressen kann der Druck bis auf +180 cm H2O (fast 1/5 Atmosphäre) steigen (Valsalva-Pressversuch , <Abbildung). Das bedeutet, dass man beim Pressen im Bauch-und Brustraum einen Druck ausüben kann, der über dem arteriellen Blutdruckwert liegt. Dieses Verfahren (Valsalva maneuver) hat zahlreiche Anwendungen, u.a. dient er

     der Kreislauftestung: Während des Pressens verringert sich die Vorlast des Herzens, das Schlagvolumen - das zunächst durch die direkte Druckwirkung für kurze Zeit ansteigt (oft mit durch den Baroreflex bedingtem kurzem Abfall der Herzfrequenz) - sinkt kontinuierlich, und die Herzfrequenz nimmt zu. Nachher dreht sich das Muster entsprechend um

      dem Druckausgleich im Mittelohr über die tuba Eustachii bei zunehmendem Außendruck (sinkende Meereshöhe, Landeanflug mit dem Flugzeug)

      der Untersuchung von Extremitätenvenen (halten die Venenklappen bei zentralem Druckanstieg dicht?)




Die Compliance der Lunge ist bei einem Emphysem erhöht. Bei diesem Krankheitsbild (oft durch Rauchen bedingt) ist die Lunge leicht dehnbar, weil Wandelemente und extrazelluläre Matrix (u.a. Elastin) zerstört wurden. Die Fläche für den Gasaustausch nimmt ab, Bronchiolen kollabieren leicht, die Ausatmung ist erschwert, und es kann zum Tod durch Ersticken kommen.

Lungenfibrose (z.B. Asbestlunge) führt zu erniedrigter Dehnbarkeit der Lunge; bindegewebige Strukturen sind vermehrt, die Atmung erschwert, die körperliche Belastbarkeit reduziert.
Das Auftreten einer offenen äußeren Verbindung zum Pleuraspalt (z.B. Stichverletzung) führt zu einem äußeren, zwischen Pleuraspalt und Alveolen
(z.B. Platzen einer Emphysemblase) zu einem inneren Pneumothorax. In beiden Fällen strömt Luft in den Pleuraraum, so dass sich die Lunge von der Brustwand löst und retrahiert.

Kollabiert die Lunge vollständig, so verbleibt in ihr nur die Minimalluft (≈0,2 Liter), das ist wesentlich weniger als das Residualvolumen (≈1 Liter).

Das Lungenfell kann Luft rasch resorbieren, daher kann ein Pneumothorax spontan abheilen, sofern Luft nicht weiter in den Pleuraspalt eindringt.
Beim Pressen zum Stuhl können kreislauflabile Menschen (Frischoperierte!) das Bewußtsein verlieren und kollabieren (s. Valsalva-Versuch oben).


Eine Reise durch die Physiologie


  Die Informationen in dieser Website basieren auf verschiedenen Quellen: Lehrbüchern, Reviews, Originalarbeiten u.a. Sie sollen zur Auseinandersetzung mit physiologischen Fragen, Problemen und Erkenntnissen anregen. Soferne Referenzbereiche angegeben sind, dienen diese zur Orientierung; die Grenzen sind aus biologischen, messmethodischen und statistischen Gründen nicht absolut. Wissenschaft fragt, vermutet und interpretiert; sie ist offen, dynamisch und evolutiv. Sie strebt nach Erkenntnis, erhebt aber nicht den Anspruch, im Besitz der "Wahrheit" zu sein.