Eine Reise durch die Physiologie

II.       III. Leberfunktionen       IV.


Funktionelle Organisation des Lebergewebes

Eigenschaften und Aufgaben der Hepatozyten

Eigenschaften und Aufgaben hepatischer Nichtparenchymzellen

Hämodynamik der Leber, enterohepatischer Kreislauf

Rolle der Leber für Energiehaushalt und Substrat-Interkonversion

Speicher-, Transport- und Löslichkeitsfunktionen

Leber und Eiweißstoffwechsel

Leber und Kohlenhydratstoffwechsel

Leber und Fettstoffwechsel

Sekretion, Transport und Funktion des Gallensekrets

Biotransformation, Abbauwege, Steuerung der Leberfunktion

Untersuchung der Leberfunktion

Inneres Milieu, Synthese und Abbau, Galleproduktion, Speicherung, Abwehr...  Die Leber ist an der Physiologie des gesamten Organismus beteiligt. Sie dient als Energiespeicher, Substratquelle, Eiweißfabrik, Entgiftungsstation etc. Hepatozyten wandeln Stoffe um und machen viele davon ausscheidungsfähig; andere werden für Emulgierung im Verdauungssystem benötigt (Gallensäuren). Die Galle ist das Transportsystem für Stoffe, die von der Leber in den Darm gelangen sollen.

Hepatozyten aktivieren u.a. biologische Wirkstoffe, etwa durch Hydroxylierung von D3-Hormon oder Dejodinierung von Thyroxin zum biologisch aktiven T3; man spricht von Biotransformation. Leberzellen speichern auch Vitamine und Spurenelemente - für ganz unterschiedliche Intervalle, so wird z.B. für Vitamin B1 nur ein Depot für wenige Tage angelegt, da die Versorgung mit der üblichen Kost ausreichende Zufuhr bietet; der hepatische Vorrat an Vitamin B12 hingegen überbrückt saisonale Versorgungsschwankungen, das Depot reicht für Jahre.

Aufgrund ihrer starken Durchblutung und Speicherfähigkeit spielt die Leber eine gravierende Rolle für den Kreislauf: Fast ein Drittel der gesamten Pumpleistung des Herzens strömt (im Ruhezustand) durch die Leber. Eine Besonderheit ist der Pfortaderkreislauf: 70% der hepatischen Perfusion stammt aus dem Darm (v. portae), 30% ist (sauerstoffreiches) arterielles Blut.

Weiters ist die Leber eine Station des Immunsystems: Endothel-, Stern-, dendritische Zellen machen zwar nur einige Prozent der Lebermasse aus, beteiligen sich aber intensiv an der Bekämpfung von Pathogenen.

Ohne die metabolische Pufferfunktion der Leber wäre es kaum möglich, Versorgungsschwankungen effizient zu überbrücken, die sich aus der Unregelmäßigkeit der Nahrungsaufnahme ergeben: Nährstoffe werden aus dem Darm resorbiert und gelangen über den Pfortaderkreislauf in die Leber (größere Fette finden über Lymphgefäße, unter Umgehung der Leber, direkt in den systemischen Kreislauf) und dort z.T. gespeichert, z.T. umgewandelt, z.T. an den allgemeinen Kreislauf weitergereicht. (Die Leber ist Kontrollinstanz und Zwischenspeicher in einem.) Diese Phase nennt man postprandial, die gute Versorgung spiegelt sich in einem entsprechenden Hormonmuster wider (viel Insulin, wenig Glukagon etc).

Nach dieser "Zeit der Fülle" versiegt der enterale Nachschub (sofern der Magen leer bleibt), es folgt eine postresorptive Phase, in der nun Körperreserven für eine gleichmäßige Versorgung vor allem mit Glukose herhalten müssen - wie aus der Leber (Glykogenreserve). Das Hormonmuster stellt sich entsprechend um (z.B. wenig Insulin, viel Glukagon). Bleibt man für längere Zeit nüchtern, ist der Glykogenvorrat der Leber (gut für einige Stunden) geleert, es müssen andere Reserven herhalten. Dazu bietet sich Fett an, das ja eine mehr als doppelt so große Energiedichte als Zucker (oder Eiweiß) aufweist: Triglyzeride werden im Fettgewebe abgebaut, gelangen mit dem Kreislauf in die Leber, und diese bildet aus Fettsäuren Ketonkörper - die Energiewährung des Hungerzustands (Ketose).

Im Fettstoffwechsel hat die Leber eine prominente Stellung: So kann sie (wie der Darm) Cholesterin und Fettsäuren bilden (Lipogenese). Besonders sticht die Fähigkeit der Leber hervor, Proteine für den Extrazellulärraum zu synthetisieren und zu sezernieren; so sind die Plasmaproteine (die sich auch, etwa in gleicher Menge wie im Blut, im Interstitium verteilen) fast alle hepatogen (Ausnahme: γ-Globuline, die aus Immunzellen stammen).

So kann eine Fehlfunktion der Leber u.a. Eiweißmangel und damit Ödeme verursachen (weil Albuminmangel mit abnehmendem onkotischem Effekt des Blutes einhergeht). Erkrankungen der Leber gehören zu den häufigsten Problemen in der Medizin; sie bedingen eine gravierende Beeinflussung von Wohlbefinden und Lebensqualität betroffener Patienten.


© H. Hinghofer-Szalkay