Integration der Organsysteme

 
Anpassung an klimatische Bedingungen (Hitze / Kälte, Luftfeuchtigkeit u.a.)

 
© H. Hinghofer-Szalkay

Akklimatisierung: ad = zu, κλίμα = Krümmung, Neigung (des Sonnenstandes), von κλίνειν = krümmen, biegen (> Deklination, Inklination)
Akren: ἄκρος = der Äußerste (Spitze: anatomisch außenliegend)
apokrine Drüse: ἀπό = von (weg), κρίνειν= absondern
ekkrine Drüse: ἐκ = aus (heraus),
κρίνειν = absondern
Thermografie:  θερμός = warm, heiß; γράφειν = schreiben
Vasodilatation: vas = Gefäß, dilatare = erweitern


Die Körpertemperatur ist das Resultat von Wärmezufuhr (Wärmebildung und -einwirkung) einerseits, Wärmeabgabe nach außen andererseits. Der Hypothalamus ist das Zentrum der Wärmeregulation; er misst Temperatur mittels peripherer (Haut) und zentraler Temperaturfühler (ZNS).

Die intensivste Wärmeproduktion stammt aus der Muskulatur bei körperlicher Belastung.

Die Stoffwechseltätigkeiten, welche ohne Muskelbeteiligung Gewebe erwärmen, nennt man zitterfreie Thermogenese, sie wird u.a. durch Schilddrüsenhormone stark angeregt.

Die Ableitung von Wärme aus dem Körper erfolgt über Verdampfung (Evaporation), Strahlung (Radiation) und Leitung (Konduktion); Luftbewegung (Konvektion) unterstützt den Kühlungseffekt vor allem beim Schwitzen. Der konvektive Wärmetransfer ist für Wasser ≈100-fach größer als für Luft, sodass der Körper in kaltem Wasser viel rascher Wärme verliert als in kalter Luft (Auskühlung).

Hypothermie ist eine gesenkte, Hyperthermie gesteigerte Körpertemperatur (bei unverändertem Sollwert im Hypothalamus). Fieber entsteht durch das Einwirken von Zytokinen (z.B. Interleukin 1 und 6) auf die wärmeregulatorischen Neuronen im Hypothalamus (Sollwertverstellung zu höherer Körpertemperatur, Einfluss auf die Mechanismen der Wärmebildung, u.a. Muskelzittern - "Schüttelfrost"). Fällt dieser Einfluss weg, reguliert das System zurück auf normale Temperaturwerte ("Gesundschwitzen").


Temperaturgleichgewicht Thermoregulation Wärmebildung Wärmeabgabe


>Abbildung: Regulation der Körpertemperatur
Nach Mekjavic IB, Eiken O. Contribution of thermal and nonthermal factors to the regulation of body temperature in humans. J Appl Physiol 2006; 100: 2065-72

 In der thermischen Neutralzone verbleibt die Körpertemperatur (Abszisse) ohne Zittern oder Schwitzen stabil. Kühlt der Körper ab, beginnt ab der Zitterschwelle muskuläre (zusätzlich zur metabolischen) Wärmeproduktion. Erhitzt er sich über die Schwitzschwelle hinaus, startet die Sudomotorik, Wärme wird (durch Evaporation) abgeführt

Sowohl der Temperaturbetrag der Schwellen als auch die Steilheit der Antworten (Verstärkungsfaktor, gain) sind im Hypothalamus abgebildet und stehen unter dem Einfluss regulativer (nicht-thermischer) Einflüsse. So bewirkt eine Schwellenverschiebung nach außen (türkise Pfeile) bzw. eine Verringerung des Gain (von 1 zu 2, weiße Pfeile) jeweils eine Abschwächung der thermoregulativen Antwort auf Hypo- bzw. Hyperthermie (und vice versa)

Die Körpertemperatur beträgt im "Körperkern" des Menschen normalerweise ≈37°C und hängt - bei gegebener Wärmekapazität des Körpers (proportional zum Körpergewicht) - von der Energiebilanz ab:
 
  der Wärmemenge, die dem Körper pro Zeit zufließt (von außen und von innen); dazu zählt die im Stoffwechsel freiwerdende und die von außen eindringende Wärmeenergie;

  der Wärmemenge, die in derselben Zeit den Körper verlässt - über Infrarotstrahlung, Wärmeleitung sowie Verdunstung von Flüssigkeit an Haut und Schleimhäuten.


Wenn [1] = [2], bleibt die Temperatur des Körpers unverändert;

wenn [1] > [2], erwärmt sich der Körper;

wenn [1] < [2], kühlt er ab.

 Die Wärmekapazität des Körpers ist nicht sehr verschieden von der des Wassers (aus dem der Organismus zu ≈60% besteht):

   1 Kilokalorie Energie erwärmt 1 Liter Wasser um ≈1°C.

Das bedeutet: Will man
den Körper um 1°C erwärmen, muss die Wärmezufuhr etwa um den Betrag des Ruheumsatzes einer Stunde (z.B. 80 Cal) steigen.

Im Behaglichkeitsbereich (thermal comfort zone) besteht weder ein Kälte- noch ein Hitzegefühl. Er hängt zum Teil von der aktuell ermittelten Temperatur (Oberflächensensibilität) ab.
Beispiel Sonnenbad: Die Solarkonstante am Boden beträgt etwa 1 kW/m2. Grob geschätzt kann man bei einer Hautoberfläche von ≈2 m2 und Bestrahlung z.B. der Vorderseite des Körpers von der Aufnahme von bis zu 1 kW rechnen (1 kW = 3600 kJ/h). Die körpereigene Wärmeproduktion beträgt - je nach Belastung - etwa 500 kJ pro Stunde. Die Wärmezufuhr könnte dann ≈4000 kJ/h betragen.
Andererseits verbraucht die Verdampfung von 1 l Schweiß knapp 2800 kJ (man kann bis zu 4 Liter Schweiß pro Stunde verlieren). Im Extremfall könnten so - bei einer Ausnützungsrate des Schweißes von angenommen 50% - mehr als 5000 kJ/h Energie abgeführt werden.
Zu Beginn eines Sonnenbades kann die Wärmeaufnahme überwiegen, der Körper wird aufgeheizt; bei ordentlichem Schwitzen dreht sich - insbesondere bei Abfuhr durch Konvektion - das Bild unter Umständen sogar um.
Letztlich ergibt die physiologische Wärmeregulation ein mehr oder weniger stabiles Gleichgewicht. Ob der Netto-Austausch positiv oder negativ ist, spiegelt sich in der Körpertemperatur wider (z.B. Stabilisierung der Körpertemperatur bei ≈37°C; die Wärmekapazität des Körpers einer erwachsenen Person liegt in der Größenordnung von ≈200 kJ/°C).

Längerfristig verändert sich auch der Regulationsbereich im Sinne einer Akklimatisierung (=Akklimatisation: Reversible individuelle Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen). Die Temperatur der Körperoberfläche (insbesondere an Stellen, die als besonders kalt oder warm empfunden werden) kann gegenregulatorisches Verhalten triggern; dabei ändert sich auch die Hautdurchblutung, die dadurch als Stellglied zur Einstellung der Körpertemperatur genutzt wird.

 

  
<Abbildung: Regelung der Körpertemperatur

Periphere Sensoren messen die Temperatur der Haut und im Körperkern, zentrale Sensoren messen die Temperatur im Gehirn. Das thermoregulatorische Zentrum (Hypothalamus) empfängt diese Information, vergleicht sie mit einem internen Sollwert und steuert die temperaturbeeinflussenden Effektoren (Muskeln: Wärmebildung, Haut und Schweißdrüsen: Wärmeabgabe)
  Thermoregulation: Die Verteilung der Hauttemperatur ist vom Wärmehaushalt des Körpers und von der Umgebungstemperatur abhängig. Adrenerger Einfluss (Sympathikus) drosselt die Hautdurchblutung. Eine Steigerung der Hautdurchblutung durch Vasodilatation  kann unterschiedlich erfolgen:
 
  In den Akren (Händen, Füßen, Ohren) erfolgt Gefäßerweiterung und Anstieg der Hauttemperatur durch Hemmung der adrenerg-vasokonstriktorischen (sympathischen) Dauerwirkung an diesen Gefäßen;

  an den großen Hautflächen von Rumpf und Gliedern dilatieren die Gefäße hingegen durch einen speziellen Mechanismus, der an die Schweißsekretion geknüpft ist (vasodilatatorische Neurotransmitter: VIP, CGRP). Diese Mechanismen stehen noch unter weiterer Erforschung.

Die Schweißdrüsen werden von sympathischen Nervenfasern gesteuert, die als Ausnahme nicht Noradrenalin, sondern Azetylcholin als Überträgerstoff verwenden. Dieses regt die Schweißbildung und vielleicht die Freisetzung von Kininen an. Kinine (vasodilatierende Oligopeptide, die durch Kallikrein aus Kininogenen freigesetzt werden) dilatieren Arteriolen und konstringieren Venolen, so dass der Kapillardruck und die Filtration von Flüssigkeit in das Interstitium steigen.

  Wärmebildung: Der Körper bildet Wärmeenergie auf verschiedene Weise:
 
  “Zitterfrei” (non-shivering thermogenesis), bedingt durch den Zellstoffwechsel in allen Geweben des Körpers, insbesondere im braunen Fettgewebe; und

  durch erhöhte Aktivierung der Skelettmuskeln (Kältezittern).

Letzteres ermöglicht eine rasche Erhöhung der Wärmeproduktion. Im Ruhezustand ist die Wärmebildung ganz unterschiedlich auf die Organe verteilt; sie ist umso stärker, je intensiver der Energiestoffwechsel der Zellen ist. Mit zunehmend intensiver körperlicher Arbeit verlagert sich die Wärmeproduktion auf die Muskulatur.

 
Über Fieber s. dort.
 
  Mit jedem Grad Anstieg der Körpertemperatur steigt die Ruhe-Herzfrequenz um ≈10 Schläge pro Minute (fieberbedingte Tachykardie: Q10, RGT-Regel).

Durch Erweiterung der Hautgefäße kann bei Körperkern-Temperaturen von >38°C ein Kreislaufversagen mit Bewusstlosigkeit (Hitzekollaps) auftreten. Bei Muskelarbeit erfolgt dies erst bei wesentlich höheren Kerntemperaturen, weil die Muskeltätigkeit einem Kreislaufkollaps entgegenwirkt (Muskelpumpe). Bei Hitzearbeit droht eher die Gefahr einer Regulationsstörung des Nervensystems bei Gehirntemperaturen über 40-41° C (Hitzschlag).

Die einfachstem Gegenmaßnahmen bei Hitzeschaden sind: Bei Hitzekollaps: Hochlagern der Beine; bei Hitzschlag: Kühlung des Körpers (feuchte Wadenwickel), Vermeidung weiterer Wärmeeinwirkung.


<Abbildung: Haar mit Schweißdrüsen

Nach einer Vorlage in dermtext.com

Apokrine Drüse (Lokation: Achsel, Brust, Augenlid, Nasenflügel, Gehörgang, Genital- und Perianalregion; modifiziert auch: Ziliardrüsen, Zeruminaldrüsen (Ohrwachs), Brustdrüsen: produzieren öliges Sekret    Ekkrine Drüse (praktisch auf gesamter Haut): Produziert klarflüssigen Schweiß

  Die Wärmeabgabe erfolgt über Strahlung, Verdunstung und Leitung:

  Das Ausmaß der Wärmabgabe durch (Infrarot-) Strahlung (Radiation) hängt von der Temperatur der Gegenstände in der Umgebung (Wände, Möbel usw.), nicht aber der Luft, ab. Wärmeabgabe durch Strahlung überwiegt die anderen Formen bei Aufenthalt in schattiger Umgebung, z.B. in geschlossenen Räumen. Ist die Wärmestrahlung, die der Körper empfängt, stärker als diejenige, die er abgibt (z.B. Sonnenbad, Sauna), nimmt seine Temperatur zu. Thermogramme (Registrierung der Infrarot-Wärmestrahlung) zeigen die Verteilung von Hauttemperatur und Hautdurchblutung.

  Verdunstung (Evaporation, Verdampfung) von Wasser auf der Haut: Zum Verdampfen von einem Liter Wasser sind 560 Kilokalorien notwendig (Erwärmen um 1°C: 1 Kilokalorie). Diese Energiemenge entspricht dem 6-8fachen des Ruheumsatzes in einer Stunde. Bei einem hohen Energieumsatz von z.B. 20 Cal/min (körperliche Ausbelastung) reichen 35 ml Schweiß pro Minute für die Abgabe der zusätzlichen Wärme aus (1 ml wird von 0,56 Cal verdampft), vorausgesetzt, der Schweiß wird vollständig verdampft und rinnt nicht ab. (Der Verlust durch Abrinnen von Schweiß beträgt oft etwa 50%.)

Wärmeverlust durch Verdunstung rückt in den Vordergrund, wenn die anderen Formen der Wärmeabgabe nicht ausreichen, z.B. bei körperlicher Arbeit, in heißen Räumen, oder bei Sonneneinstrahlung.
 
   Über die Zusammensetzung von Schweiß s. dort
 

>Abbildung: Behaarte Haut des Menschen
Nach einer Vorlage in bem.fi/book


  Wärmeabgabe wird durch Bewegung des den Körper umgebenden Mediums unterstützt (Konvektion; Wind: an Luft wird so die Wärmeabgabe über Verdampfung unterstützt, soferne sie nicht bei Körpertemperatur wasserdampfgesättigt ist, wie bei feucht-heißem Tropenklima).
  
  Wärmeleitung (Konduktion) ist der direkte Abfluss von Wärme über die Haut an die Umgebung (Kleidung, Luft, Wasser) und ist die wichtigste Form des Wärmeverlusts beim Schwimmen. Sind die umgebenden Moleküle wärmer als die Haut, so kommt es statt Wärmeabgabe zu Wärmeaufnahme.

Der Wärmeaustausche durch Leitung wird durch Konvektion des umgebenden Mediums (Luft, Wasser) unterstützt.





Der konvektive Wärmetransferkoeffizient ist für Wasser ≈100-mal größer als für Luft. Folglich kann der Körper in kühlem Wasser wesentlich rascher auskühlen (Hypothermie) als in kühler Luft. (In 5°C kaltem Wasser schwimmend kann man ohne speziellem Wärmeschutz nur wenige Minuten bei Bewußtsein bleiben.)

Neugeborene, insbesondere Frühgeborene, können sehr rasch auskühlen. Gründe:

Eine Reise durch die Physiologie


  Die Informationen in dieser Website basieren auf verschiedenen Quellen: Lehrbüchern, Reviews, Originalarbeiten u.a. Sie sollen zur Auseinandersetzung mit physiologischen Fragen, Problemen und Erkenntnissen anregen. Soferne Referenzbereiche angegeben sind, dienen diese zur Orientierung; die Grenzen sind aus biologischen, messmethodischen und statistischen Gründen nicht absolut. Wissenschaft fragt, vermutet und interpretiert; sie ist offen, dynamisch und evolutiv. Sie strebt nach Erkenntnis, erhebt aber nicht den Anspruch, im Besitz der "Wahrheit" zu sein.