Basalganglien und Motorik
© H. Hinghofer-Szalkay
Athetose: ἀ = un-, θετός < τιθέναι = veranlassen
Ballismus: βάλλειν = werfen, schleudern
Chorea: χορεία = Tanz(en)
Dopamin: Dihydroxyphenylalanin
globus pallidus (lat) blasse Kugel
Habenulae: habena = Zügel
Parkinson-Syndrom: James Parkinson
Putamen (lat) Hülse, Schale
Schizophrenie: σχίζειν = abspalten, φρήν = Seele
Striatum: Streifenkörper (stria = Streifen)
Tourette-Syndrom: Nach G.G. de la Tourette
Planung
und Feinsteuerung von Bewegungsabläufen bedürfen komplexer
Kontrollmechanismen. So ist den Ausgängen der Pyramidenbahn im
motorischen Cortex ein mehrgliedriger Mechanismus aus Basalganglien und motorischem Thalamus vorgeschaltet.
Die Basalganglienkette schaltet einen direkten und einen indirekten Rückkopplungsweg der motorischen Kontrolle:
-- Der
direkte Weg bewirkt Disinhibition (Bewegungserleichterung),
-- der indirekter Weg Inhibition
(Bewegungshemmung).
Beteiligte Transmitter sind Glutamat
(exzitatorisch) und GABA (inhibitorisch). Zusätzlich sind dem Striatum
dopaminerge Einflüsse aufgeschaltet (exzitatorisch und inhibitorisch).
Die Funktion der Basalganglien lässt sich anhand von Funktionsstörungen ablesen, die Symptome
wie (hyperton-hypokinetisch), Mb. ParkinsonHuntington-Chorea,
Ballismus und Athetose (hypoton-hyperkinetischer Formenkreis) bewirken.
|
Basalganglien
Dopaminrezeptor
Bewegungsstörungen
Core messages
Sobald
erlernte Bewegungsmuster und Verhaltensweisen zur automatisierten
Routine geworden sind, wird deren Koordination von der Gehirnrinde an
die Basalganglien ausgelagert. Das gilt nicht nur für die Verteilung
des Muskeltonus, welche den Körper in stabiler Position hält:
Basalganglien lernen auch die Verknüpfung wiederholt auftretender
Kombinationen von Reizmustern und darauf folgender
willkürmotorischer Muster. So können Basalganglien die Realisierung oftmals frequentierter Reiz-Reaktions-Kombinationen übernehmen, transkortikale
Schaltkreise dadurch entlasten und für andere Funktionen freimachen -
beispielsweise beim Steuern eines Fahrzeuges, was bei geübten Menschen
weitgehend unbewusst erfolgt. Endabnehmer der Rechenleistung der
Basalganglien sind motorischer Thalamus und motorischer Cortex - letzterer triggert Bewegungen über Aktivierung motorischer Einheiten.
Die Basalganglien modifizieren die thalamische Aktivität unter Berücksichtigung peripherer und emotionaler Aspekte der Motorik
Abbildung: Lage des Striatum
Nach einer Vorlage in Martin JH: Neuroanatomy and Atlas, 5th ed. McGrawHill 2021
Das
Striatum (Streifenkörper) besteht aus nucleus caudatus, Putamen (diese
beiden Teile sind über Brücken grauer Substanz miteinander verbunden,
dazwischen ziehen Faserbündel der capsula interna) und nucleus
accumbens. Nucleus caudatus und Putamen haben vor allem Bedeutung für
die Steuerung motorischer Funktionen im Rahmen der Basalganglien; zur
Funktion des nucl. accumbens s. dort
Die Basalganglien gehören - zusammen mit dem limbischen System - zu den subkortikalen Systemen des mesenenzephal-dienzephalen Abschnitts des Gehirns. Sie sorgen für
ausgewogene und koordinierte Aktivierung der Muskulatur zur
Stabilisierung der Körperhaltung und bei der Durchführung von
Bewegungsprogrammen. Ihre Aufgabe ist es, nur zielgerichtete Bewegungen zuzulassen und unpassende motorische Aktivität zu unterdrücken.
Dabei werden nicht nur
Informationen über die aktuelle Stellung und Bewegung der Gelenke
berücksichtigt (Tiefensensibilität),
sondern die motorische Planung und emotionale Komponenten (Gefühle →
Körpersprache); auf Letzteres ist das limbische System fokussiert. So werden alle Aspekte motorischer Zielsetzungen berücksichtigt.
Im Mittelpunkt dieses Systems stehen die Basalganglien
(
Abbildungen
).
Dazu gehören
das Striatum (nucleus caudatus + Putamen + nucleus accumbens),
das Pallidum (globus pallidus),
der nucleus subthalamicus,
die substantia nigra (nucleus niger).
Abbildung: Basalganglien
Nach Nieuwenhuys R, Voogd J, van Huijzen C. The Human
Central Nervous System: A Synopsis and Atlas, 2nd ed. 1981 (Springer
Berlin)
Die Basalganglien beeinflussen die Motorik, indem sie indirekt die Aktivität "oberer" Motoneuronen regulieren.
Der Streifenkörper
(Striatum: nucleus caudatus und Putamen) erhält kortikale Signale,
welche die Intention zu Willkürbewegungen anzeigen. Striatale
Projektionen hemmen dann (GABAerg) Neurone in nucleus niger (pars
reticulata) und globus pallidus (inneres Segment, pallidum mediale).
Neurone im globus pallidus
hemmen dann ihrerseits (GABAerg) Neurone im Thalamus (nuclei ventralis
anterior und lateralis). Das bedeutet: Aktiviert der Cortex das
Striatum, wird das innere Segment des Pallidum (das tonisch aktiv ist)
inhibiert - und damit sein hemmender Einfluss auf den Thalamus
(Disinhibition). Sind
thalamische Neurone vom (sonst dauerhaft wirksamen) hemmenden Einfluss
aus dem Pallidum befreit, können sie die Aktivierung von "oberen"
Motoneuronen im motorischen Cortex triggern und dementsprechende
Bewegungen freigeben. Dies ist der "direkte" Enthemmungspfad der Basalganglien.
Ein
"indirekter" Pfad führt über den globus pallidus zum nucleus
subthalamicus. Wird dieser (durch Disinhibition) aktiviert, regt er
seinerseits den globus pallidus (pars interna) sowie die substantia
nigra (pars reticulata) an, dämpft thalamische Aktivität und verhindert
unwillkürliche Muskelaktivierung. Damit antagonisiert er die Wirkung
des direkten Weges; zusammen steuern die beiden Pfade die Balance der
Aktivität motorischer thalamischer Neurone und die Freigabe
entsprechender Bewegungen.
Der nucleus niger (die substantia nigra) besteht aus zwei Teilen, der
dopaminergen pars compacta (erleichtert über das Striatum erwünschte
und unterdrückt unerwünschte Bewegungen) und der GABAergen pars
reticulata (hemmt thalamische Kerne, beeinflusst Kopf- und
Augenbewegungen).
Farbcodierung der Kerne in den folgenden Bildern beibehalten

Alle diese Strukturen liegen in unmittelbarer Nähe zum Thalamus, dem größten Teil des Diencephalon, und werden dem Telencephalon zugezählt.
Diese Kerne beeinflussen einander mit vorwiegend hemmenden
Verbindungsbahnen; daraus ergeben sich Regelkreise und Feinabstimmungen für die
Kontrolle der Motorik. Den Großteil ihrer Inputs
erhalten die Basalganglien aus allen Teilen des Großhirns (vor allem
der motorischen und primären sensorischen Rinde) sowie aus der
substantia nigra. Die (primären) Outputs
projizieren auf den primären Motorcortex, das supplementärmotorische
Areal, die prämotorische Rinde (über den Thalamus) sowie auf motorische
Kerne im Hirnstamm.
Abbildung: Parallele Rückkopplungsschleifen zwischen Basalganglien, Thalamus und Großhirnrinde
Nach einer Vorlage in Banich / Compton, Cognitive Neuroscience, 4th ed. 2018, Cambridge Univ. Press
Diese Schleifen sind funktionell
weitgehend eigenständig, aber teilweise überlappend (Farbcode) und
antero-posterior orientiert: Die limbische (rot unterlegt) zieht durch
vordere Teile des Striatum und Pallidum und zieht durch den
medial-orbitofrontalen Cortex; daran schließen assoziative (gelb),
sensorische (grün) und motorische Teile an (blau)
Wie das Kleinhirn, sind die Basalganglien in Kontrollschleifen eingebunden, die auch Teile des Großhirns einschließen (
Abbildung).
Die Großhirnrinde projiziert auf die Basalganglien und diese über den
Thalamus zurück auf den Cortex; zusätzlich kommen Inputs über
nigrostriatale Bahnen und aus dem nucleus subthalamicus, und
Projektionen der Basalganglien auf die oberen Vierhügel (Kontrolle der Okulomotorik).
Im Gegensatz zum Kleinhirn - dessen Bewegungen rasch erfolgen und nicht
mehr modifiziert werden können, wenn sie einmal in Gang gebracht wurden
- kümmern sich die Basalganglien um die Initiierung (oder auch das
Aufhalten) langsamerer, komplexer Bewegungen im Rahmen der
Körperhaltung, den Ablauf erlernter motorischer Muster, die zeitliche
Koordination sequenzieller Bewegungen sowie das "Umschalten" zwischen
motorischen Programmen.
Die Basalganglien verwenden verschiedene Transmitter, die teils exzitatorisch (Glutamat, Acetylcholin), teils hemmend wirken (GABA, Dopamin) und in den Neuronenendigungen, d.h. direkt präsynaptisch synthetisiert werden; das neuroaktive Peptid Substanz P entsteht im Soma und wird mittels axonalem Transport zur Synapse gebracht. Als exzitatorischer Transmitter dient Glutamat, als inhibitorischer GABA (γ-Aminobuttersäure). Dopamin kann über D1-Rezeptoren exzitatorisch (direkter Weg), über D2-Rezeptoren inhibitorisch wirken (indirekter Weg).
Defekte im Bereich der
Basalganglien äußern sich typischerweise in Bewegungen, die der
willkürmotorischen Kontrolle nicht mehr (vollständig) unterstellt
werden können.
Während man ursprünglich der Meinung war, dass die Basalganglien rein
motorische Funktionen haben, weiß man heute, dass sie auf weite Teile
des Hirnstamms sowie (über den Thalamus) der Hirnrinde projizieren -
einschließlich des limbischen Systems. Damit haben sie Einfluss auf
Kognition, Motivation und Affekte - was sich bei Erkrankungen der
Basalganglien entsprechend bemerkbar macht.
Prägendes Merkmal der Basalganglienfunktion sind Inhibition und Disinhibition.
GABAerge Neuronen in Projektionskernen der Basalganglien haben hohe
tonische Entladungsfrequenzen (40-80 Aktionspotentiale pro Sekunde) und
zügeln damit die Aktivität ihrer Zielneurone in Thalamus und Hirnstamm.
Werden andere, diesen daueraktiven Hemmneuronen "aufgeschaltete"
GABAerge Neuronen aktiv, verschwindet vorübergehend und selektiv deren
hemmende Aktivität (Disinhibition), und - sonst unterdrückte -
motorische Programme können aktiviert werden. Dann generieren bei Bedarf z.B. die colliculi superiores ruckartige Augenbewegungen (Sakkaden),
oder motorische Neuronengruppen des Thalamus entsprechende
Bewegungsmuster. Man kann auch sagen, dass aus den zahlreichen
gespeicherten Verhaltensprogrammen das für die gegebene Situation
jeweils passende freigegeben wird. Die Aufgabe der Basalganglien
besteht dann in der Selektion des passenden Verhaltensmusters.
Abbildung: Die Basalganglien sind in die transkortikale Bewegungsplanung eingebunden
Nach einer Vorlage in Carlson NR / Birkett MA, Physiology of Behavior, 12th ed. Pearson 2017
1: Bei Automatisierung motorischer Verhaltensmuster informiert das Frontalhirn das Striatum (nucl. caudatus und Putamen) über die Bewegungsplanung verschiedener Anteile der Großhirnrinde (die auf das Frontalhirn projizieren).
2: Diese Information wird bearbeitet und fließt weiter zum Pallidum.
3: Anschließend gelangt modifizierte Information zur supplementär- und prämotorischen Rinde.
4: Schließlich wird im primären motorischen Cortex entsprechendes motorisches Verhalten initiiert bzw. modifiziert

Striatum
(nucl. caudatus und Putamen), nucleus
subthalamicus und substantia nigra (pars compacta) erhalten
anregende (glutamaterge) Projektionen aus Großhirnrinde und limbischem System (einschließlich
Mandelkernen und Hippocampusformation). Eingänge betreffend
Sensorimotorik und Motivation kommen indirekt über den Thalamus.
Modulierende Einflüsse kommen von der substantia nigra pars compacta
(dopaminerg), den Raphekernen des Mittelhirns (sertotoninerg) und den
pedunculopontinen Kernen des Tegmentum, die für Wachheit und
Aufmerksamkeit, Lernen und Willkürmotorik bedeutsam sind (cholinerg).
Der nucleus subthalamicus ist der einzige Teil der Basalganglien mit erregenden (glutamatergen) Ausgängen.
Die Basalganglien haben glutamaterge (exzitatorische) Eingänge
aus weiten Regionen der Großhirnrinde (inklusive limbischen Anteilen),
aus intralaminaren Kernen des Thalamus
und dopaminerge aus dem ventralen Mittelhirn.
Zwei führende Ausgänge stammen
aus dem inneren Pallidum
aus der pars reticulata der substantia
nigra.
Diese sind GABAerg (inhibitorisch) und projizieren auf den
Thalamus und Kerne des Hirnstamms.
Die Abfolge der Vorgänge kann vereinfacht so
beschrieben werden:
Das Striatum (Streifenkörper) wird von der gesamten Großhirnrinde und der Sensorik
glutamaterg angeregt und inhibiert seinerseits über GABAerge Neurone
Pallidum und substantia nigra (pars reticulata).
Die substantia nigra (pars compacta) hemmt die Aktivität von Neuronen
im Striatum (nigro-striatale Projektion); bei Ausfall dieser Projektion
treten Symptome eines Parkinson-Syndroms (
s. unten) auf.
Die Basalganglien senden
hemmende Impulse an Thalamus und Hirnstamm. Dadurch werden dort
vorliegende motorische Programme "im Zaum gehalten". Ein Ausfall dieser
Kontrollfunktion kann zu willkürlich nicht beeinflussbaren
Kontraktionen im Bereich der Extremitäten, des Rumpfes, Halses und
Gesichts führen (Chorea, „Veitstanz“), die unvermittelt aus dem Ruhezustand, aber auch Willkürbewegungen überlagernd, auftreten.
Abbildung: Basalganglien
Nach einer Vorlage in Carlson NR / Birkett MA, Physiology of Behavior, 12th ed. Pearson 2017
Vereinfachtes
Schema der Rückkopplungskreise zwischen Großhirnrinde und
Basalganglien. Direkte Wege durchgezogen, indirekte unterbrochen
dargestellt. Exzitatorische Bahnen schwarz, inhibitorische rot
gezeichnet.
Der Streifenkörper (nucleus caudatus und Putamen) empfängt Impulse aus dem frontalen, parietalen und temporalen Cortex. Über das Pallidum und den Thalamus bestehen
Rückkopplungsschleifen zum Großhirn (Motorcortex). Auf diese Weise
können Bewegungen nach Maßgabe aktueller somatosensorischer
Informationen portioniert werden, und zwar unter Berücksichtigung
somatotoper Gegebenheiten.
Die Rückkopplungsschleifen sind teils anregend (glutamaterg), teils hemmend (GABAerg).
Werden Neurone im Striatum von der Großhirnrinde angeregt, inhibieren
sie Neurone im Pallidum; diese den Thalamus hemmenden Neurone werden
dadurch "ausgeschaltet" (Disinhibition). Das ist der "direkte" Weg, der
den thalamischen nucl. ventralis anregt; der "indirekte" Weg (über den
nucl. subthalamicus) hemmt ihn hingegen.
Der "hyperdirekte"
Weg wurzelt in der prä-supplementärmotorischen Rinde und regt Neurone
im nucleus subthalamicus direkt an. Diese stimulieren wiederum Neurone
im inneren globus pallidus, was den Motorcortex inhibiert. Das heißt,
der hyperdirekte Weg bremst die Motorik rasch und direkt - unter
Umgehung des Striatum (Putamen und nucleus caudatus)

Die Basalganglien haben zwei Ausgangssysteme, welche die rhythmische Aktivität der Thalamusneurone erregend oder hemmend beeinflussen:
Direkter Weg: Er projiziert GABAerg aus dem Striatum in das innere Pallidum
(
Abbildung) und in die Substantia nigra (pars reticulata) und von
diesen beiden Stellen ebenfalls GABAerg in den Thalamus. Dies führt zu
einer Steigerung der Thalamusaktivität (Disinhibition: Zwei hemmende Neurone hintereinandergeschaltet).
Indirekter Weg: Die GABAergen Neurone projizieren aus dem Striatum in das äußere Pallidum und von dort ebenfalls GABAerg in den nucleus subthalamicus
(
Abbildung).
Von dort geht es glutamaterg zu den GABAergen Neuronen
des inneren Pallidum und der pars reticulata des nucleus niger. Der
indirekte Weg dämpft die Aktivität thalamischer Neuronen und dient
wahrscheinlch primär der Unterdrückung unerwünschter (unpassender)
Bewegungen.
Das Pallidum wird vom nucleus subthalamicus glutamaterg angeregt
|
Die Inhibition thalamischer Neuronen (nucl. ventralis anterior und lateralis) reduziert die Anregung motorischer Neurone im Cortex.
Das Pallidum wird vom Striatum GABA-erg gehemmt
|
Die Hemmung der thalamischen Kerne durch GABAerge Neurone (inneres
Pallidum, substantia nigra pars reticulata) wird durch Aktivierung des
Striatum aufgehoben (Disinhibition): Das Gehirn kann über Aktivierung des Striatum eine vorübergehende "Entfesselung" des motorischen Thalamus bewirken.
GABAerge Neuronen des Striatum (spiny projection neurons
SPNs) sind im Ruhezustand weitgehend inaktiv, während Zellen des globus
pallidus (pars interna) und der substantia nigra (pars reticulata) -
also inhibitorische Output-Neurone zum Thalamus - im Ruhezustand
tonisch aktiv sind. Unmittelbar vor einer Willkürbewegung regen
exzitatorische Projektionsneurone in Großhirnrinde und Thalamus SPNs
an, was wiederum deren Hemmung im direkten Pfad unterbindet und
Bewegungen "freigibt".
Zusätzlich zu den hemmenden Wegen über das Striatum kann das Großhirn -
ausgehend vom Prä-supplementärmotorischen Cortex - Bewegungen auch über
einen erst seit jüngerer Zeit bekannten "superdirekten Pfad" unter Umgehung von nucleus caudatus / Putamen unterbinden (
Abbildung).
Der Vorteil ist eine kürzere Zugriffszeit als beim "klassischen"
indirekten Weg. Das kann z.B. in Gefahrensituationen sehr hilfreich
sein, wenn es darum geht, eine Bewegungsfolge plötzlich abzustoppen.
Ferner empfängt das Kleinhirn
(Neozerebellum)
Signale von der motorischen Großhirnrinde und koordiniert präzise Portionierung und kurzfristige
Beendigung motorischer Aktivitäten, was z.B. rasch aufeinander
folgende, z.T. antagonistische Bewegungsabläufe ermöglicht. Dieser
Rückkopplungskreis läuft parallel zu dem
der Basalganglien und schaltet ebenfalls im Thalamus um, der dann auf
den motorischen Cortex projiziert.
1686 verfasste Thomas Sydenham Schriften über die Chorea minor (daher auch "Sydenham-Chorea"). Die substantia nigra wurde erstmals 1800 von Samuel Sömmerring identifiziert (daher auch die Bezeichnung "Sömmerring-Ganglion"). 1817 beschrieb James Parkinson die später (60 Jahre nach seinem Tod) nach ihm benannte Schüttellähmung. Die Chorea major ("Veitstanz") wurde 1872 von George Huntington beschrieben, nach ihm wird diese bis heute unheilbare Krankheit als Huntington-Chorea bezeichnet (s. unten).
Die Schaltungen innerhalb des Basalgangliensystems sind somatotopisch
gegliedert. Man kennt
Funktionsketten für die

Körpermotorik (mit Betonung von Gesichts- und
Mundbewegungen), für die

Kontrolle der Augenbewegungen (gesteuert vom
frontalen Augenfeld des Cortex), und

komplex-assoziative zur
Ausarbeitung motorischer Strategien im Rahmen von motivations- und
erkenntnisabhängigem Verhalten.
So ist der nucleus caudatus auf
stereotype Handlungen (z.B. Körperpflege) spezialisiert, das Putamen
auf motorische Fähigkeiten wie z.B. Bewegungsabläufe beim Sport.
Abbildung: Disinhibition durch Basalganglien via direkten und indirekten Pfad
Nach einer Vorlage in Augustine / Groh / Huettel / LaMantia / White (eds),
Neuroscience. Intl 7th ed. Oxford University Press 2024
Werden
Neurone des Striatums von der Großhirnrinde angeregt, hemmen sie
vorübergehend tonisch aktive Neurone im globus pallidus. Das interne
Segment verliert dadurch seine Hemmwirkung auf ventrale Thalamuskerne,
das externe Segment auf den nucleus subthalamicus.
Die Wirkung auf das interne
Segment des tonisch aktiven globus pallidus bewirkt Disinhibition
ventraler Thalamuskerne und kann über D1-dopaminerge Wirkung der
substantia nigra (pars compacta) verstärkt werden (Coaktivierung).
Die tonisch inhibierende Wirkung des externen
Segments des globus pallidus auf den nucleus subthalamicus - der von
der Großhirnrinde und dem parafaszikulären (intralaminaren)
Thalamuskern stark angeregt wird - kann über D2-dopaminerge Eingänge
aus der substantia nigra disinhibiert werden. In diesem Fall wirken der
direkte und der indirekte Weg synergistisch - die ventralen
Thalamuskerne werden disinhibiert, betreffende Bewegungen freigegeben.
Striatum (nucl.
caudatus und
Putamen), nucleus subthalamicus und substantia nigra (pars compacta)
erhalten Projektionen aus Großhirnrinde und limbischem System.
Eingänge betreffend Sensorimotorik und Motivation kommen indirekt über
den Thalamus. Kortikale Schleifen laufen über Cortex → Striatum → substantia nigra / globus pallidus pars interna → Thalamus → Cortex. Subkortikale Schleifen folgen dem Muster → Thalamus → Striatum → substantia nigra / globus pallidus pars interna → subkortikale Strukturen.
Exzitatorische
Synapsen (glutamaterg, dopaminerg) sind mit einem grün unterlegten
Pluszeichen, inhibitorische (GABAerg, dopaminerg) mit einem rot
unterlegten Minuszeichen gekennzeichnet. D1, D2: Dopaminrezeptoren. Die meisten Synapsen sind nur transient (tr), Ausgänge aus dem globus pallidus tonisch (ton) aktiv

Die substantia nigra
spielt insbesondere für die Steuerung von Augenbewegungen und
motorische Planungsvorgänge eine Rolle, aber auch für Lernvorgänge und
motiviertes Verhalten. Ihre Funktionen stehen unter der Kontrolle des
Striatums, umgekehrt projiziert sie dopaminerg
auf das Striatum zurück (
Abbildung).

Die
pars reticulata (SNr) verfügt über
GABAerge
Neuronen, diese projizieren auf den Thalamus (
Abbildung) und die
oberen Vierhügel (Augenbewegungen), und hemmen dopaminerge Aktivitäten
der pars compacta. Diese Neuronen sind spontanaktiv und üben
tonisch-inhibitorische Aktivität aus.

Die
pars compacta (SNc) sendet exzitatorische
dopaminerge (D
1)
Impulse an das Striatum (
Nigro-striatales System), die in die Kontrolle der Feinmotorik
einfließen und motorische Lernvorgänge unterstützen. Wahrscheinlich ist
sie auch in die Schlaf-Wach-Regulation involviert.
Der nucl. subthalamicus empfängt direkte Anregung aus der Großhirnrinde.
Die substantia nigra hat dopaminerge Projektionen (D1-Rezeptoren) auf das Striatum
Ungenügende Wirkung dieser Fasern (Dopaminmangel) verursacht Parkinson-Symptome
|
Abbildung: Amygdala und Basalganglien
Nach einer Vorlage bei what-when-how.com/neuroscience
Die Amygdala grenzt unmittelbar an den nucleus caudatus, mit dem sie direkte Verbindung hat

Verbindungen zur Funktion des limbischen Systems. Der Mandelkern hat direkte Verbindungen zum nucleus caudatus (
Abbildung), und beide projizieren - direkt und indirekt - auf den Hippokampus,
der Erinnerungsinhalte verfügbar hält, bis sie kortikal "abgespeichert"
sind. Das bedeutet, dass die Amygdala Lernprozesse in den Basalganglien
beeinflusst.
In den Basalganglien wirken weiters cholinerge
Interneurone (ihr Ausfall trägt zu den Symptomen einer Chorea bei),
Eingänge aus dem Hirnstamm (noradrenerge aus dem locus coeruleus,
serotoninerge aus den Raphekernen) sowie verschiedene peptiderge
Afferenzen. Diese Systeme projizieren auch intensiv auf die Großhirnrinde und das limbische System.
Dopamin und Dopaminrezeptoren
Die Funktionsschleifen in den Basalganglien werden durch
“Berieselungssysteme” moduliert, z.B. durch die nigro-striatalen
Bahnen. Diese benutzen Dopamin als Transmitter, ihr Ausfall führt zum
Parkinson-Syndrom.
Dopaminrezeptoren
befinden sich an entsprechenden Nervenzellen (Striatum,
limbisches System, nucl. accumbens, Groß- und Kleinhirnhirnrinde). Teils regen sie über ein Gs-Protein die Adenylatzyklase an
(D1-Gruppe: D1, D5), teils hemmen sie diese über ein Gi-Protein (D2-Gruppe: D2, D3, D4).
Die Rezeptor-Subtypen sind unterschiedlich auf die Hirnregionen verteilt, was
funktionelle Verschiedenheiten andeutet. Für das Belohnungssystem des
Gehirns spielen Dopaminrezeptoren eine zentrale Rolle. Substanzen,
welche die Wirkung an Dopaminrezeptoren verstärken, können
euphorisierende Effekte auslösen.
Motorische Thalamuskerne regen
motorische Rindenareale im Großhirn an. Sie werden von vielen anderen
Zentren beeinflusst, insbesondere von Basalganglien und Kleinhirn.
Dopamin im Neostriatum (nucl. caudatus, putamen) beeinflusst die
Aktivität im direkten und indirekten Weg:
D1-Dopaminrezeptoren regen striatale Output-Neurone im direkten Weg an,
hemmen GABAerge Neurone in innerem Globus pallidus (GPi) und der substantia nigra pars reticulata (SNr).
Im indirekten Weg bewirkt Aktivierung von D2-Dopaminrezeptoren die Hemmung striataler Output-Neurone zum äußeren Globus pallidus (GPe) und Hemmung von glutamatergen Neuronen im nucleus subthalamicus (STN), und GABAerger Neurone im inneren globus pallidus und dem retikulären Teil der substantia nigra.
Dopaminrezeptoren haben eine zentrale Bedeutung für Verhaltensmotorik, wie sie z.B. für räumliches Gedächtnis benötigt wird. Dopamin
ist ein Schlüsselfaktor für die motorische Kontrolle,
weiters für Kognition, Gedächtnis, Lernen, Motivation, Lustempfinden
sowie auch für die Steuerung neuroendokriner Signale.
Im Striatum ist die Aktivierung von Dopaminrezeptoren für das Gleichgewicht
motorischer Anregungsmuster entscheidend.
Dopaminrezeptoren werden auch in anderen Geweben, insbesondere in der Niere
exprimiert (vasokonstriktorische Wirkung).
Schädigungen im Basalganglienbereich bedingen Bewegungsstörungen,
die man als Plus- und Minussymptome klassifiziert.
Diese gehen jeweils auf Unter- und Überfunktion bestimmter
Neurotransmitter zurück. Zu den Plus-Symptomen zählen unwillkürliche,
abnorme Bewegungen (Hyperkinesien), zu den Minus-Symptomen
Bewegungsverlangsamungen und -störungen (Hypokinesien).
Das Paradebeispiel einer hypokinetischen Störung ist der Morbus
Parkinson; zum hyperkinetischen Formenkreis zählen die Chorea
Huntington, Athetosen und (Hemi-) Ballismus.

Abbildung: Verändertes Gleichgewicht im Basalgangliensystem bei Mb. Parkinson
Nach
einer Vorlage in Augustine / Groh / Huettel / LaMantia / White (eds),
Neuroscience. Intl 7th ed. Oxford University Press 2024
Abnahme
bzw. Ausfall der
dopaminergen Projektion der pars compacta des nucleus niger auf das
Striatum (Degeneration der nigrostriatalen Bahnen) erschwert diesem die
transiente Hemmung des
inneren Segments des globus pallidus (reduziert die Wirkung des
direkten Pfades). Resultat ist eine stärkere tonische Inhibition des
Thalamus und geringere Anregung des motorischen Cortex

Das Parkinson-Syndrom
ist
die häufigste Basalganglienerkrankung.
Ursache ist eine Degeneration dopaminerger Efferenzen aus dem nucleus
niger, ihre Wirkung auf den globus pallidus nimmt ab. Der direkte Pfad
der Inhibition der ventralen Thalamuskerne wird verstärkt, der motorische Cortex schwächer angeregt (
Abbildung), es kommt zu “Einfrieren”
von Bewegungen (Akinese), erhöhtem
Muskeltonus (Rigor) und Zittern der Finger bzw. Hände (Ruhetremor).
Eine
Substitutionstherapie mit der Vorstufe L-DOPA (Levodopa) oder Dopamin-Agonisten
ist möglich, weiters die Gabe von Anticholinergika, um der
dopaminmangelbedingten Enthemmung des cholinergen Systems
entgegenzuwirken.
L-DOPA wird schon in der Peripherie - also bevor es die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann - vom Enzym DOPA-Decarboxylase abgebaut. Deren Aktivität kann durch den DOPA-Decarboxylase-Hemmer Benserazid kompetitiv
gehemmt werden, um DOPA in höherem Ausmaß über die BHS zu bringen (was
sonst nur ca. 1% des DOPA schafft) und an den nigro-striatalen Neuronen
wirksam werden zu lassen. Levodopa wird immer in Kombination mit
Benserazid verabreicht.
Parkinsonartige Symptome können auch durch
Medikamente (Neuroleptika) hervorgerufen werden.
Mb. Parkinson beruht auf dem Untergang dopaminerger Neurone in der substantia nigra
|
Fehlfunktionen des dopaminergen Systems werden nicht nur mit
Parkinson-Syndrom, sondern auch mit Erkrankungen wie
Drogenabhängigkeit, Schizophrenie
, Tourette-Syndrom
, Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivität (ADHD, Attention deficit hyperactivity disorder) u.a. in Verbindung gebracht.

Abbildung: Verändertes Gleichgewicht im Basalgangliensystem bei Chorea Huntington
Nach
einer Vorlage in Augustine / Groh / Huettel / LaMantia / White (eds),
Neuroscience. Intl 7th ed. Oxford University Press 2024
Bei Chorea
Huntington kommt es zu einem Ausfall striataler GABAerger Projektionen
zum externen Pallidum. Dadurch erhöht sich dessen Aktivität, das innere
Segment des globus pallidus wird stärker gehemmt (aus dem externen
Segment) und weniger angeregt (aus dem nucleus subthalamicus). Folglich
nimmt die tonische Hemmung der ventralen Thalamuskerne durch des innere
Segment des globus pallidus ab, die thalamische Anregung des
motorischen Cortex zu - unerwünschte motorische Aktivität tritt
auf

Die autosomal-dominant vererbliche
Huntington-Chorea
(Huntington's disease) geht u.a. mit Degeneration GABAerger Nerven, die vom
Striatum izum Pallidum ziehen (
Abbildung), sowie auch cholinerger
Interneurone einher. Die Krankheit
beginnt mit Bewegungsunruhe (Extremitäten, Mimik, später Kopf und
Rumpf), die sich später zu plötzlich einsetzendem, unwillkürlichen Bewegungen steigern (choreatische Hyperkinesie: kurze, irreguläre Bewegungen, welche die Willkürmotorik unterbrechen). Im weiteren Verlauf kann es zu Akinesie und Rigor kommen.
Athetose
ist eine relativ häufig auftretende extrapyramidal-motorische Störung,
bedingt durch Defekte im Bereich der Basalganglien, insbesondere des Striatum (Pallidum), die oft auf perinatale
Schädigungen zurückzuführen sind.
Zu den Symptomen gehören u.a. langsame,
schraubende Bewegungen der Gliedmaßen und des Rumpfes, stolpernder
Gang, Überstreckungen, Spreizung der Finger, Grimassieren bei
geöffnetem Mund.
Ballismus
tritt meist (infolge Blutung in einen nucl.
subthalamicus) einseitig als Hemiballismus auf (oder nur eine Extremität betreffend: Monoballismus) und bedingt
“schleudernde” Bewegungen im Arm-, Bein-, Schulter- oder Beckengürtelbereich.

Die Basalganglien (Striatum, Pallidum, nucleus subthalamicus) dienen
motorischer Feinabstimmung. Sie hemmen Neurone in Thalamus und Hirnstamm
Das Striatum wird glutamaterg angeregt (Sensorik, Großhirnrinde) und
inhibiert GABAerg Pallidum und substantia nigra. Die substantia nigra
hemmt das Striatum (nigro-striatales System: bei Ausfall oder
Dopaminmangel Parkinson-Syndrom) und hebt seinerseits die Hemmung des
Thalamus durch GABAerge Neurone (inneres
Pallidum, substantia nigra pars reticulata) auf (Disinhibition)
Die Basalganglien haben zwei Ausgangssysteme:
-- Der GABAerge direkte Weg
projiziert aus dem Striatum in das innere Pallidum und in die
Substantia nigra (pars reticulata) und von hier (ebenfalls GABAerg) zu
motorischen Thalamuskernen, die dadurch disinhibiert (aktiviert) werden
-- Indirekter
Weg: GABAerge Projektionen aus dem Striatum in das äußere Pallidum und
von dort - ebenfalls GABAerg - in den nucleus subthalamicus. Dieser
regt das Pallidum glutamaterg an, und dieses hemmt motorische
Thalamuskerne
Die substantia nigra beeinflusst die Steuerung von Augenbewegungen,
motorische Planung, Lernen und Motivation. Sie steht unter der
Kontrolle des Striatums, auf das sie dopaminerg zurückprojiziert. Ihre
spontanaktive pars reticulata hemmt Thalamus, obere Vierhügel und pars
compacta. Diese erregt dopaminerg das Striatum (nigro-striatales System)
Dopaminrezeptoren befinden sich auf zahlreichen Neuronen (Striatum,
limbisches System, nucl. accumbens, Groß- und Kleinhirnhirnrinde).
Teils regen sie die Adenylatzyklase an (D1-Gruppe), teils hemmen sie
diese (D2-Gruppe). Sie sind wichtig für Verhaltensmotorik, räumliches
Gedächtnis, Kognition, Gedächtnis, Lernen, Motivation, Lustempfinden,
Steuerung neuroendokriner Signale, zerebrales Belohnungssystem
Mb. Parkionson, Huntington-Chorea, Athetose und Ballismus liegen Ausfallserscheinungen im Basalgangliensystem zugrunde
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