Grundlagen und Methoden der Physiologie; molekulare und zelluläre Aspekte


Funktion der Proteine, glatte Muskulatur

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© H. Hinghofer-Szalkay
Aktin: agere = bewegen
Dynein: δύναμις = Kraft
Gen: γενεά = Abstammung, γένεσις = Ursprung
Kinesin: κίνησις = Bewegung
Myosin: μυς, μυός = Muskel
Podosom: πούς, ποδός = Fuß, soma = Körper
Protein: πρῶτος = Erster (Berzelius meinte, alle Proteine würden auf einer gemeinsamen Grundsubstanz basieren)


Proteine übernehmen unzählige Funktionen in der Zelle. Ohne sie wäre weder ein funktionierender Metabolismus möglich (Enzyme), noch Vorgänge wie Zellteilung oder Eiweißsynthese (Transkription, Translation), Fortbewegung (Aktin, Myosin etc) oder Wachstum. Auch Rezeptoren, Permeasen und Pumpen in der Zellmembran bestehen aus Proteinen.

Beispiele für Motilität von Körperzellen sind Leukozytenmigration, Bewegung von Enterozyten, Spermienmotorik, Zellwanderung bei der Angiogenese, Neurozytenfortbewegung. Kräfte vom Zellinneren übertragen sich auf die umgebende Matrix, Membranrezeptoren werden im Lauf der Bewegung fortlaufend verlagert; Membranpermeasen erlauben die dabei notwendige Verlagerung von Zellflüssigkeit. Bei chemotaktischer Bewegung strebt die Zelle zu einer Signalstoffquelle hin oder von dieser weg.

Glatte Muskelzellen können vom Single-Unit-Typ sein (funktionelles Synzytium ähnlich wie im Herzmuskel, Beispiel Uterus) oder vom Multi-Unit-Typ (über vegetative Nervenfasern präzise gesteuert, Beispiel innere Augenmuskeln).

Glatte Muskelzellen zeigen häufig spontane rhythmische Aktivität (Eigenrhythmen), diese folgen Oszillationen der intrazellulären Kalzium-Konzentration (BER: basaler Organrhythmus) und bestimmen die Kontraktionsfrequenz - unterschreitet das Membranpotential einen bestimmten Schwellenbetrag, entstehen Aktionspotentiale.


Membranproteine
Intrazelluläre Strukturproteine  Extrazelluläre Proteine Fortbewegung von Zellen Glatte Muskulatur

Biomoleküle bewerkstelligen unterschiedlichste Aufgaben. Die wichtigsten Beispiele, nach chemischer Struktur gruppiert:

  Glykogen, Lipide u.a. als Energieträger - Glykogen ist eine kurzfristig aktivierbare Energiespeicherform in der Muskel- und Leberzelle, während Fettgewebe den Energiebedarf für mehrere Wochen speichern kann

  Nukleinsäuren als Informationsträger - hierher zählen Desoxyribonukleinsäure (DNS) und Ribonukleinsäure (RNS), die unter Verwendung des genetischen Codes die Erbinformation speichern und verwerten können

  Proteine als Struktur- und Funktionsträger

  Lipide und Kohlenhydrate als Baustoffe insbesondere für die Zellmembran.
 

<Abbildung: Proteine in der Zellmembran
Nach einer Vorlage bei nature.com/scitable

Membranproteine: Eiweißmoleküle in der Zellmembran haben mehrfache Aufgaben (<Abbildung):

  
   Sie sind für die Kommunikation der Zelle mit ihrer Umgebung unverzichtbar (Rezeptoren ermöglichen die spezifische Erkennung von Hormonen, Neurotransmittern, Zytokinen, Wachstumsfaktoren usw) und setzen diesen Reiz - je nach Rezeptortyp unterschiedlich - in intrazelluläre Folgereaktionen um

      Sie ermöglichen die Passage von Ionen (z.B. Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium, Chlorid...) durch die Zellmembran - was aufgrund deren mangelnder Fettlöslichkeit sonst kaum möglich wäre - und tun dies mehr oder weniger spezifisch, entweder dem Konzentrationsmuster folgend (Diffusion), oder unter Verbrauch von Energie (z.B. Na-K-Pumpe)

      Sie versorgen die Zelle mit Nährstoffen, indem sie z.B. Ionen gegen organische Moleküle austauschen (Beispiel Natrium-Glukose-Antiport)

      Sie wirken als Enzyme auf intrazelluläre Moleküle ein (z.B. Insulinrezeptor)

      Sie verankern die Zelle an extrazellulären Strukturen und vermitteln Kräfte in Richting Intrazellulärraum.
 


>Abbildung: Neuronale Transportmechanismen
Nach: Pasinelli P & Brown RH, Molecular biology of amyotrophic lateral sclerosis: insights from genetics. Nature Rev Neurosci 2006; 7: 710-23

  Der axonale Transport erreicht - je nach Mechanismus und Transportgut - Geschwindigkeiten zwischen 0,2 und ≈400 mm/Tag. Er kann anterograd (in die Peripherie) erfolgen, oder retrograd, d.h. von der Peripherie zum Soma (wie in der Abbildung u.a. für Mitochondrien gezeigt). Auf diesem Weg können auch Viren vom befallenen Axon zum Nervenzellkörper gelangen, z.B. Herpesviren

Kinesine und Dyneine
bewegen Moleküle durch die Zelle - Kinesine anterograd, Dynein retrograd   Neurofilamente dienen als strukturelle Stütze   Mikrotubuli dienen der mechanischen Festigung und dem Transport   Neurotrophe Faktoren sind für Funktion und Überleben der von ihnen abhängigen Zellen notwendig (Verhinderung einer Apoptose)

Intrazelluläre Proteine beteiligen sich an Zellteilung, Transkription, Translation und ermöglichen Wachstum, Bewegung, aktive Verformung und Transportvorgänge (axonaler Transport s. >Abbildung). Die zahlreichen (oft über 1000) spezifischen Eiweißmoleküle pro Zelle (Proteom: Alle Proteine in einer Zelle, einem Zellkompartiment, Gewebe oder Lebewesen, unter definierten Bedingungen) liegen zum Großteil in sehr geringer Konzentration vor.

Der Organismus benötigt Proteine als Enzyme, Bauelemente, Rezeptormoleküle in der Zellmembran, Signalstoffe (Hormone, Transmitter, Wachstumsfaktoren, Mediatoren), Stütz- und Verbindungsmoleküle, und für weitere spezielle Zellfunktionen. Dazu gehört die Zellbeweglichkeit, der ein fließender Umbau des Zytoskeletts zugrunde liegt.

Ca++-Ionen spielen bei solchen Vorgängen eine Schlüsselrolle. An der Membran kann z.B. die Anlagerung chemotaktischer Substanzen an einen Rezeptor Auslöser für einen Transportvorgang in der Zelle sein. Für den intrazellulären Transport sind Mikrotubuli (Durchmesser 20-30 nm) wichtig; zusammen mit Mikrofilamenten (Durchmesser 7 nm) und Intermediärfilamenten
(Durchmesser 10 nm) bilden sie die Hauptmasse des Zellskeletts (Zytoskelett). Zu den Bausteinen dieser Strukturen gehören Moleküle wie Aktin, Tubulin, Lamine, Vimentin, Keratin etc.

Durch die Reihenfolge ihrer Aminosäuren haben Proteine spezifische Gestalt und Funktion. Enzyme identifizieren Substratmoleküle, immunologische Rezeptoren und Antikörper erkennen körperfremde Moleküle, Rezeptoren binden und reagieren auf Signalmoleküle.

Mikrofilamente und Mikrotubuli des Zellskeletts bestehen aus Eiweißmolekülen. Sie werden auf-, um- und abgebaut, können z.B. an einem Ende der Zelle wachsen, während sie am anderen wieder zerfallen (gezielte Bewegung). Kontraktile Filamente ermöglichen Verformung (glatte Muskelzellen) und Verkürzung.


<Abbildung: Proteinstrukturen im Z-Streifen-Bereich einer Herzmuskelzelle
Nach einer Vorlage in www.e-heart.org

Actinin bewirkt die Anheftung von Aktinfilamenten   Desmin sind Intermediärfilamente des Zytoskeletts, es verbindet Myofibrillen und Z-Scheiben in Muskelfasern   Titin ist das größte bekannte Protein des Menschen, es ist elastisch und hat "ordnende" Funktion in Muskelzellen   Tropomyosin ist ein Struktureiweiß in Muskelzellen, das an der Kontraktion beteiligt ist (dense bodies in glatten, Z-Streifen in quergestreiften Muskelzellen). -  Dazu kommen zahlreiche weitere spezialisierte Proteine im Bereich des Z-Streifens

Außerhalb der Zelle beteiligen sich Proteine an

  Abwehr (als Antikörper und Komplementfaktoren)

  Intaktheit der Gefäßwände (Gerinnungs- und Fibrinolysefaktoren)

  Transport von Fett, Hormonen, Spurenelementen usw. (Plasmaeiweiß)

  Aufbau extrazellulärer Strukturen:

   Fasern aus Kollagen (≈30% der Gesamtmasse an Körpereiweiß) für Faszien, Sehnen, Bänder, Unterhautgewebe, Knorpel, Knochen

   Elastin für dehnbare Strukturen (Lunge, Haut, Blutgefäße u.a.) und spezielle Proteine, wie

   Fibronektin für Hämostase, Gewebsreparatur, Zelladhäsion und -migration, Embryogenese

   Laminin, mit Bindungsstellen für zelluläre Rezeptoren; häufig in Basalmembranen

  Integrine für die Verbindung zwischen Zellen untereinander und mit extrazellulären Strukturen
 

>Abbildung: Zellmigration
Nach Schwab A, Fabian A, Hanley PJ, Stock C. Role of Ion Channels and Transporters in Cell Migration. Physiol Rev 2012; 92: 1865-1913

Änderung des "Transportoms" während der Fortbewegung (Protrusion, Retraktion)

AQP
, Aquaporin
  VRAC, volume-regulated anion channels

Transporter s. dort


  Fortbewegung von Zellen. Motilität von Körperzellen ist eine physiologische Konstante. Beispiele: Migration von Leukozyten zwischen Blutbahn und extravasalem Raum; Auswanderung von antigenpräsentierenden Zellen aus dem Gewebe; Bewegung von Enterozyten entlang der Krypten-Zotten-Achse; gezielte Motilität von Spermien; Vorsprossen von Gefäßwandzellen während der Angiogenese; Migration verschiedenster Zellen (z.B. Neuriten) während ontogenetischen Entwicklungs- und Differenzierungsvorgängen. (Pathophysiologisches Beispiel: Propagation von Krebszellen.)

Ein Charakteristikum der Zellbewegung ist ihre Gerichtetheit - entlang einer Achse, welche mit einer Polarisierung der Zelle einhergeht (z.B. Epithelzellen bei Wundheilung, Leukozyten bei Diapedese). Der führende Teil besteht aus einem fächerförmigen, organellenfreien Fortsatz (0,3 µm dick), dem Lamellipodium. Hier lagern sich Aktinmoleküle zusammen und bilden eine mechanische Leitstruktur. Kräfte werden vom Zellinneren auf die umgebende Matrix übertragen, damit die Zelle eine Stütze hat. Meist spielen dabei Integrine eine zentrale Rolle; entsprechende Membranrezeptoren müssen im Lauf der Bewegung fortlaufend verlagert werden.

Chemotaxis bedeutet, dass sich die Zelle auf eine Signalstoffquelle zustrebt oder von dieser abwendet, was wiederum die Wirkung spezifischer Rezeptoren erfordert. Die involvierten Mechanismen sind komplex.

Damit die notwendigen Volumenverlagerungen und -änderungen möglich werden, ist die Anwesenheit bestimmter Membrankanäle nötig, um Flüssigkeit in die Zelle (Front: Protrusionen, sog. Podosomen
) bzw. aus ihr heraus gelangen zu lassen (Endpartie: Retraktion) - diese Vorgänge müssen nicht synchron, sie können auch unabhängig voneinander erfolgen.

Für den notwendigen transmembranalen Ionentransport spielt z.B.
der Na+/H+-Austauscher NHE1 eine Rolle, weiters der epitheliale Natriumkanal ENaC, der Na-K-Cl-Kortransporter NKCC, Anionenaustauscher AE, sowie Kalium- und Chloridkanäle; die Bindung von Integrin kann Kaliumkanäle aktivieren; kalziumsensitive Proteine (wie das an Zellmotilität und -teilung beteiligte proteolytische Enzym Calpain) sprechen auf Ca++-Einstrom (und damit auch das Membranpotential) an. Veränderungen der Osmolalität (Aquaporine!) können zum An- oder Abschwellen entsprechender Zellpartien genutzt werden; die Wirkung der Permeasen kann darüber hinaus über reinen Ionentransport hinausgehen (nicht-konduktive Eigenschaften).

Insgesamt geht man von einer gegenseitigen Beeinflussung von Ionentransport, Zellvolumenregulation und Zellskelett-Dynamik aus, welche zusammen erst eine geordnete Migration der Zelle ermöglichen.
 

<Abbildung: Tonusabhängige Formveränderung einer glatten Muskelzelle
Nach einer Vorlage bei Benjamin Cummings / Addison Wesley Longman Inc. 2001

Dense bodies sind Verdichtungszonen im Zellplasma, an denen Aktinfilamente ansetzen (ähnlich wie an Z-Streifen im quergestreiften Muskel). "Relaxiert" = geringer, "kontrahiert" = hoher Tonus in der Längsachse (z.B. Vasokonstriktion, Akkommodation im Auge, etc)
Glatte Muskulatur. Muskelzellen sind auf Verkürzung und Kraftentfaltung spezialisiert. Sie können in einer hochspezialisierten Organisationsform vorliegen, als sogenannte quergestreifte Muskulatur (so genannt wegen des regelmäßigen Sarkomeraufbaus). Hierher gehören Skelettmuskel- und Herzmuskelzellen.

Eine andere Form sind - morphologisch weniger auffällige - glatte Muskelzellen ("glatt", weil mikroskopisch ohne Querstreifung). Sie finden sich
in der inneren Augenmuskulatur, in der Haut, in der Wand aller Gefäße, der Atemwege, sowie vieler Hohlorgane (Harnwege, Magen-Darm-Trakt, Uterus u.a.).
 

>Abbildung: Organisation glatter Muskulatur
Nach einer Vorlage bei Boron / Boulpaep, Medical Physiology, 1st ed. Saunders 2003


Glatte Muskulatur ist sehr unterschiedlich steuerbar. Das ist von Innervationsdichte und der elektrischen Kopplung über gap junctions abhängig, über die elektrische Impulse und auch Stoffe von Zelle zu Zelle gelangen. Dementsprechend unterscheidet man zwei Spezialisierungsformen des glatten Muskels (>Abbildung), wobei es fließende Übergänge gibt:
 
  Der Single-Unit-Typ ist ein funktionelles Synzytium mit intensiven Kopplungen und eher globaler Steuerbarkeit (single unit: Funktionelle Gesamtheit). Die Muskelzellen kontrahieren synchron, ähnlich wie im Herzmuskel (aber wesentlich langsamer im Ablauf). Beispiel: Ureter, Harnblase, Gallenblase, Uterus, große Blutgefäße. Hier tritt gelegentlich auch rhythmische Spontanaktivität auf (z.B. Wehentätigkeit der Gebärmutter). Solche Spontanentladungen erinnern an die rhythmische Aktivität des Herzmuskels.

  Der Multi-Unit-Typ zeichnet sich durch präzisere Steuerbarkeit mittels vegetativer Nervenfasern aus (multi-unit: Funktionelle Untergliederung). Diese geben aus Varikositäten Transmitterstoff ab und beeinflussen glatte Muskelzellen auf kurze Distanz (Synapsen "en passant"). Die Zellen können unabhängig voneinander aktiviert, also präzise gesteuert werden, ähnlich (aber nicht so ausschließlich) wie im Skelettmuskel. Beispiele: Innere Augenmuskeln, m. arrectores pilorum, Atemwege, Harnblase.
 

<Abbildung: Rhythmische Depolarisation glatter Muskulatur
Modifiziert nach einer Vorlage bei droualb.faculty.mjc.edu (Pearson education 2011)

Wird das Schwellenpotential unterschritten, treten Aktionspotentiale (spikes) auf. Diese bewirken Kontraktionen des glatten Muskels (elektromechanische Koppelung)

Heterogenität: Die unterschiedliche Ausstattung mit gap junctions ist nur ein Zeichen der funktionellen Optimierung. Glatte Muskelzellen exprimieren Proteine (insbesondere Rezeptoren) in sehr wechselndem Ausmaß; sie sind auf die Anforderungen im jeweiligen Gewebe spezialisiert.

Auch haben sie die Fähigkeit, ihren Differenzierungsgrad zwischen kontraktilen Ausprägungen (Phänotypen) zu wechseln, je nach Anforderung (phänotypische Plastizität). Dabei liegen sehr unterschiedliche Muster und Intensitäten der Genexpression
vor (z.B. für spannungsgesteuerte Kalziumkanäle), diese kann also je nach Bedingungen im Gewebe wechseln.

Die kontraktilen Filamente sind in der glatten Muskelzelle etwa diagonal orientiert und mittels dense bodies (aktininreichen Ankerpunkten) zu einem dreidimensionalen Netzwerk verbunden (<Abbildung oben). Der Aktinanteil ist in glatten Muskelzellen mindestens 10mal größer als der Myosinanteil
(im quergestreiften Muskel beträgt der Aktin-Myosin-Quotient 2:1 bis 4:1).
Glatte Muskelzellen können sich bis auf ein Viertel ihrer entspannten "Ruhelänge" verkürzen (Skelettmuskelfasern nur bis auf ≈60%).


>Abbildung: Glatte Muskelzellen bilden je nach Typus verschiedene Entladungsmuster aus
Nach einer Vorlage bei humanphysiology.academy

Einige bilden überhaupt keine Aktionspotentiale, z.B. in den meisten Blutgefäßen; ihr Membranpotential schwankt lediglich (abhängig z.B. von sympathischer Stimulierung), und dies spiegelt sich im Tonusverlauf wider (oben)

Andere, wie im Magen, haben Schrittmacherwirkung - ihr Aktionspotential dauert verhältnismäßig lange (5-10fach länger als im Herzmuskel).
Plateaus im Membranpotentialverlauf von Zellen des Dünndarms dauern noch länger, hier zeichnen sich auch "Spikes" ab, welche die Kontraktion triggern.
Das tun auch Spikes im graviden Uterus - sie bilden bursts und lösen die Wehentätigkeit aus

Die Depolarisierung erfolgt hauptsächlich über Kalziumeinstrom, die Repolarisierung über Kaliumausstrom

Glatte Muskelzellen "zucken" nicht wie quergestreifte, ihre Kontraktion äußert sich eher in einem mehr oder weniger ausgeprägten Tonus.

      Der Tonus ist z.T. alleine durch die Höhe des Membranpotentials bedingt
(z.B. in Arterienwänden), es genügt schon eine Reduktion des Membranpotentials (Depolarisation), um ihn zu erhöhen;

      in anderen glatten Muskelfasern (<Abbildung) bedarf es zur Tonussteigerung plötzlicher Entladungen (Spikes). Spikes ähneln Aktionspotentialen (die in quergestreifter Muskulatur zur Kontraktionsauslösung notwendig sind).

Das Membranpotential glatter Muskelzellen liegt meistens zwischen -40 und -65 mV (also weniger negativ als bei einer quergestreiften Muskelzelle oder Nervenzelle).

Wie auch bei anderen Zellen, ist das "Ruhepotential" vorwiegend ein Kaliumpotential. Tatsächlich sind es mehrere Kaliumkanäle, welche das Membranpotential der glatten Muskelzellen wesentlich bestimmen - vor allem ein "inward rectifier" und ein ATP-sensitiver Kaliumkanal (vgl. dort).

ATP-sensitive Kaliumkanäle
öffnen sich, wenn der intrazelluläre ATP-Spiegel sinkt. Wahrscheinlich helfen sie z.B. dabei, die Durchblutung von Organen entsprechend deren Stoffwechselzustand zu steuern (Wirkung auf die Gefäßmuskulatur).



Elektromechanische Kopplung. Wie in Herz- und Skeletmuskulatur, wird die Verknüpfung von Membranpotentialänderung zu Kontraktion durch Erhöhung der intrazellulären Ca++-Konzentration (von ≈10-8 zu ≈10-5 molar) bewerkstelligt (<Abbildung unten). Da die extrazelluläre Konzentration viel höher ist (≈10-3 M) als intrazellulär, bewirkt erhöhte Kalziumdurchlässigkeit der Membran (durch spannungsgesteuerte Kalziumkanäle: VOCs, Voltage-operated channels) Ca++-Einstrom, wenn die Membran depolarisiert.
 

<Abbildung: Regulierung der MLC-Phosphorylierung in einer glatten Muskelzelle (Gallengang)
Modifiziert nach Sharanek A et al. Rho-kinase/myosin light chain kinase pathway plays a key role in the impairment of bile canaliculi dynamics induced by cholestatic drugs. Scientific Reports 2016; 6, Article # 24709

Die Myosin-Leichtkettenkinase (MLCK) wird durch Bindung von Kalzium - über Calmodulin (CaM) - aktiviert. Sie phosphoryliert die regulatorische leichte Kette des Myosinmoleküls in glatten Muskelzellen. Dadurch kann die Aktin-Myosin-Reaktion erfolgen, die Muskelzelle kontrahiert. Dieser Vorgang wird gehemmt durch die Myosin-Leichtkettenphosphatase (MLCP)

ROCK, Rho-kinase   MYPT-1, myosin phosphatase target subunit 1   ET-1, endothelin-1   ETR, endothelin receptor   IP3, Inositoltriphosphat   GPCR, G-protein coupled receptor   PKC, protein kinase C   PLCβ, Phospholipase C β   DAG, Diazylglyzerol   PI3K, Phosphatidylinositol 3-Kinase   ERK, extracellular signal-regulated kinases   MAPK, Mitogenaktivierte Proteinkinase   GF, Wachstumsfaktor

Die nachfolgende Verknüpfung von elektrischem Membransignal und mechanischer Antwort (Tonuserhöhung, Kontraktion) nennt man elektromechanische Kopplung. Diese erfolgt im glatten Muskel folgendermaßen (<Abbildung):



     Nach intrazellulär gelangtes freies
Ca++ bildet einen Komplex mit dem kalziumbindenden Protein Calmodulin

     Dieser Komplex aktiviert das phosphorylierende Enzym Myosin-Leichtkettenkinase (MLC: Myosin light chain) - Myosin-Leichtketten sind kleine Polypeptidbestandteile des Myosins

     Die MLC-Kinase ermöglicht die Phosphorylierung (durch ATP) von Myosin an dessen Querbrückenteil

     Dadurch kommt es zu zyklischer Bewegung und aktiver Verlagerung zwischen Aktin- und Myosinfäden (Kontraktion)
 
  s. auch dort

Der Tonus / Kontraktionszustand kann mit minimalem Energieaufwand für lange Zeit aufrechterhalten bleiben (Haltefunktion). Wie das genau vor sich geht, ist noch nicht klar.


>Abbildung: Kontraktionsauslösung in glattem Muskel
Nach einer Vorlage bei Mohrman DE / Heller LJ, Cardiovascular Physiology, 8th ed. McGraw Hill 2014

VOC, voltage-operated channels   ROC, receptor-operated channels

Über second-messenger-Mechanismen s. dort


Pharmakomechanische Kopplung: Nicht nur Depolarisierung / Aktivierung spannungssensitiver Kalziumkanäle (VOCs) kann Einstrom von Ca++ bewirken, auch Bindung extrazellulärer Signalstoffe an Rezeptoren kann dies tun (Receptor-operated channels, ROCs - >Abbildung). Solche Stoffe können z.B. Neurotransmitter sein.

Zur Aktivierung der glatten Muskelzelle ist dann keine Depolarisierung notwendig. Folge der Reaktion kann z.B. - über G-Proteine - die Aktivierung der Phospholipase C und Bildung von Inositolphosphat (IP3) sein. Dieses führt dann zur Freisetzung von Kalziumionen aus intrazellulären Ca++-Speichern (d.h. dem sarkoplasmatischen Retikulum), und
Ca++ besorgt die elektromechanische Kopplung (Kontraktion).

Die meisten vasoaktiven (gefäßwirksamen) Stoffe, die auf Rezeptoren an glatten Muskelzellen wirken, führen auch zu Depolarisierung der Zelle; ihre Rezeptoren wirken meist auch auf Ionenkanäle. Reine Rezeptorwirkung ohne Änderung des Membranpotentials ist selten.

Eigenrhythmen: Viele glatte Muskelzellen zeigen spontane rhythmische Aktivität. Dabei spielen Oszillationen der intrazellulären Ca++-Konzentration die führende Rolle. Größe und Dauer der Aktionspotentiale sind in der glatten Muskulatur variabler ausgeprägt als in Nervenzellen oder quergestreiften Muskelzellen. Einstrom von Ca++-Ionen durch spannungsabhängige Kalziumkanäle sind Hauptverursacher der Spikes bzw. Aktionspotentiale. Diese werden ausgelöst, wenn das Membranpotential unter einen bestimmten Schwellenwert sinkt (Abbildungen). 

Dabei folgt die Triggerung der Aktionspotentiale dem aktuellen Membranpotential. Dieses schwankt oft rhythmisch, die Oszillationen heissen basaler Organrhythmus - BER = Basic electrical rhythm, auch ECA = Electrical control activity. Der BER bestimmt z.B. die Kontraktionsfrequenz im Darm; unterschreitet hier das Membranpotential einen Betrag von -45 mV, treten Aktionspotentiale auf und es kommt zur Kontraktion. Schrittmacherfunktion haben dabei Cajal-Zellen (interstitielle Zellen).

Da Aktionspotentiale Kalziumionen einströmen lassen und die elektromechanische Kopplung auslösen, wird auf diese Weise der elektrische Rhythmus des Muskelgewebes zu Kontraktionen gleicher Frequenz übersetzt. Beispielsweise haben verschiedene Darmabschnitte charakteristische Eigenrhythmen ihrer Kontraktionsaktivität.


  Auf Konstriktion folgt Relaxation: Der Gegenspieler der Leichtkettenkinase ist die Leichtketten-Phosphatase (MLCP, >Abbildung), sie dephosphoryliert - und hemmt dadurch - das Myosin. Ca++-Ionen werden über eine ATP-abhängige Pumpe (SERCA: Sarcoplasmic / endoplasmic reticulum calcium ATPase) in das sarkoplasmatische Retikulum zurückbefördert. Beim Transport nach extrazellulär hilft zusätzlich ein Na+-Ca++-Austauscher (NCX), der wesentlich ist für die zelluläre Ca++-Homöostase.

Hyperpolarisation
der glatten Muskelzelle ist einer der Mechanismen, der zur Relaxation führt; Wirkung auf Rezeptoren ist ein anderer (z.B. durch Bildung von cAMP, das Proteinkinase A einschaltet und über Phorphorylierung verschiedener Enzyme den
Ca++-Ausstrom fördert sowie die Ca++-Empfindlichkeit der Kontraktionsmaschinerie senkt).

Kontraktion und Relaxation glatter Muskulatur (z.B. in Gefäßen, im Darm etc.) steht im Mittelpunkt zahlreicher pharmakologischer Wirkungen (Kalziumblocker, Hormonagonisten und -antagonisten etc). Meist werden dabei entweder Ionenströme durch die Membran oder die Aktivität von Signalstoffen modifiziert (die involvierten Rezeptoren können ionotrop oder metabotrop sein).




Intensiver Informationsaustausch macht es möglich, dass sich Billionen Zellen im Körper gegenseitig erkennen und regulieren. Ketten von Zuckermolekülen an der Außenseite der Zelle (die Glykokalyx = Kapsel = Schleimhülle besteht aus Polysacchariden, die an Glykoproteine und Glykolipide der Zellmembran gebunden sind) spielen dabei wegen der enormen Vielfalt ihrer Struktur und der gegenseitigen Erkennung molekularer Muster eine tragende Rolle. Fehlregulationen führen zu Funktionsstörungen, die schwere Krankheitsbilder zur Folge haben können. Solche Funktionsstörungen können betreffen:

  Schutz gegenüber chemischen Störfaktoren

  Erkennung potentiell schädlicher Fremdzellen

  Gewebetyperkennung

  Krebsresistenz

  Zelladhäsion

  Entzündungsvorgänge

  Fertilisierung (Erkennung der Eizelle durch Spermien)

  Embryonale Entwicklung / Differenzierung

Die Funktion der Mikrotubuli kann durch Colchicin, das Gift der Herbstzeitlosen, gehemmt werden. Dies führt zu verringerter Beweglichkeit der Zelle und hemmt die Mitose. Colchicinvergiftung ist u.a. durch Atemlähmung gekennzeichnet.

Die mutationsbedingte Schwächung von Verankerungsmolekülen wie Dystrophin (aktinbindendes Spektrin, das Verbindungen zwischen intra- und extrazellulären Molekülen herstellt) führt zu progressiver Muskeldystrophie (eine
durch Mutationen im Erbgut verursachte Erbkrankheit, die zu Defekten oder Mangel muskulärer Proteinen führt).

Die meisten Stoffwechselkrankheiten beruhen auf angeborenen Defekten von Eiweißmolekülen (Rezeptoren, Enzymen, Transportproteinen...) - Gicht, Hyperlipoproteinämien, von der Norm abweichende Verstoffwechslung von Arzneimitteln, Adipositas, Diabetes etc.

Retrograder axonaler Transport (Abbildung oben) kann Viren (z.B. Polio, Herpes, Rabies) oder Toxine (z.B. Tetanus) aus der Peripherie zum Nervenzellkörper transportieren und diesen schädigen. So kann z.B. Gürtelrose auftreten, wenn - bei geschwächtem Immunsystem, z.B. infolge Stress - die Entzündung herpesvirusbefallener Nervenzellen auf das umliegende Dermatom übergreift.


Eine Reise durch die Physiologie


  Die Informationen in dieser Website basieren auf verschiedenen Quellen: Lehrbüchern, Reviews, Originalarbeiten u.a. Sie sollen zur Auseinandersetzung mit physiologischen Fragen, Problemen und Erkenntnissen anregen. Soferne Referenzbereiche angegeben sind, dienen diese zur Orientierung; die Grenzen sind aus biologischen, messmethodischen und statistischen Gründen nicht absolut. Wissenschaft fragt, vermutet und interpretiert; sie ist offen, dynamisch und evolutiv. Sie strebt nach Erkenntnis, erhebt aber nicht den Anspruch, im Besitz der "Wahrheit" zu sein.