Eine Reise durch die Physiologie - Wie der Körper des Menschen funktioniert
  
  
Abwehrvorgänge (Immunologie)
 
Antigenpräsentierende Zellen; Mikroglia


© H. Hinghofer-Szalkay
Chemokin: χημεία = Gießerei (im Sinne von „Umwandlung“), κίνἔω = antreiben, bewegen
Dendritische Zelle: δένδρον = Baum (baumartige Zellfortsätze)
Hortega-Zellen: Pio del Rio Hortega
Lektine: legere = lesen, auswählen
Makrophage: μακρός = groß, φαγεῖν = fressen
Mikroglia: μικρός = klein,
γλία = Leim, Kitt
Toleranz: tolerare = (er)dulden



Antigenpräsentierende Zellen zeigen T-Lymphozyten mit ihren MHC-II-Rezeptoren Peptide, die aus der Phagozytose von Antigenen stammen.
 

   -- Dendritische Zellen triggern Immunvorgänge, indem sie "naive" Lymphozyten aktivieren. Langerhans-Zellen in der Haut binden mit "mustererkennenden" Rezeptoren Antigenträger, aktivieren T-Zellen und siedeln sich dann in Lymphknoten an. Andere dendritische Zellen in Lymphknoten und Milz präsentieren an - und selektionieren - B-Zellen.
 
   -- Makrophagen verstärken eine schon aktivierte Immunabwehr.
 
   -- Aktivierte B-Lymphozyten können Gedächtniszellen aktivieren; sie konzentrieren an der Zellmembran Peptide aus dem Antigenabbau, dadurch ermöglichen sie die Aktivierung von Helferzellen auch bei niedriger Antigenkonzentration.

Die Rolle von Immunzellen im Gehirn übernimmt die Mikroglia: Sie prüft ihre Umgebung auf Intaktheit, bildet neurotrophe Schutzfaktoren, dämpft neuronale Hyperaktivität und eliminiert potenziell pathogene Substanzen aus dem Gewebe.


Antigenpräsentierende Zellen Immunologische Spezifika des Nervensystems Mikroglia
 
Antigenpräsentierende Zellen übermitteln intrazelluläre Information an T-Lymphozyten

Wie verständigen sich Gewebezellen, unspezifische Abwehrzellen und Lymphozyten bei der Beantwortung der Frage, ob eine fragliche Zelle körpereigen ist und normal funktioniert - oder ob sie infiziert (z.B. virusbefallen) oder (karzinomatös) außer Kontrolle geraten ist? Dazu dienen Moleküle, die zu einem komplexen genetischen System gehören: die Histokompatibilitätsmoleküle. Mit (bzw. auf) diesen "präsentieren" körpereigene Zellen potentiell antigene Moleküle an ihrer Oberfläche an patrouillierende T-Lymphozyten.
 

>Abbildung: Erkennung proteolytischer Fragmente über MHC-TCR-Interaktion
Nach einer Vorlage in nicerweb.com

   Links: Virusinfizierte Zelle präsentiert virale Antigenfragmente mittels MHC-I an T-Zell-Rezeptor (TCR) eines zytotoxischen (CD8+) Lymphozyten.
  
Rechts: Antigenpräsentierende Zelle koppelt bakterielle Antigenfragmente mittels MHC-II an TCR einer Helferzelle (CD4+).
 
Die Zellen (oben) müssen sich "ausweisen", die Lymphozyten (unten) sind die "Exekutive". MHC-Moleküle tragen Erkennungsmoleküle (Antigene) wie in einem Ausweis (MHC)


T-Lymphozyten reagieren nicht direkt auf die Anwesenheit von Antigenen: Sie benötigen die "Präsentation" des Antigens durch andere Zellen - T-Zellen erkennen Antigene nur in Kombination mit MHC (MHC-Restriktion, >Abbildung).

Alle kernhaltigen Zellen zeigen zytosolische Antigene (aus dem intrazellulären Proteinabbau) her - über MHC-I an zytotoxische (CD8+) Lymphozyten. Das betrifft auch Mikroben oder deren molekularen Bestandteile, die aus endozytotischen Vesikeln in das Zytoplasma "entkommen" sind. Auf diese Weise werden alle Körperzellen laufend auf virale Infekte oder krebsassoziierte Mutationen gescannt und notfalls durch zytotoxische Zellen eliminiert.

Als "antigenpräsentierend" im engeren Sinne (APC: Antigen-presenting cell) gelten Zellen, die über MHC-II an Helfer- (CD4+) Lymphozyten "melden" und darüber hinaus zusätzliche Reize für die Aktivierung von (naiven, Effektor- oder Gedächtnis-) T-Zellen generieren. Zusätzliche Wirkfaktoren der APCs sind Kostimulatoren (diese sind, wie MHC, membrangebunden) und Zytokine wie z.B. Interferone.

Antigenpräsentation wird durch die Anwesenheit von Mikroben verstärkt - das ist einer der Gründe, warum das Immunsystem auf Mikroben stärker reagiert als auf (harmlose) nichtmikrobielle Stoffe.

So exprimieren viele antigenpräsentierende Zellen Sensormoleküle wie TLRs und fahren bei Mikrobenkontakt die Ausbildung von MHC- und Kostimulatormolekülen hoch. Dazu kommen noch weitere Mechanismen, welche die Immunantwort auf mikrobielle Reize intensivieren. Dieser komplexe Aktivierungsmechanismus erklärt auch die Wirkung von Adjuvantien, das sind Stoffe, welche die lymphozytäre Reaktionen auf (gereinigte) Protein-Antigene verstärken.

Zu antigenpräsentierenden Zellen zählen dendritische Zellen, Makrophagen, B-Zellen und auch andere (endo- und einige epitheliale):
 
 
Antigenpräsentierende Zellen (APCs): Eigenschaften und Aufgaben
 
Nach Abbas / Lichtman / Pillai, Cellular and Molecular Immunology, 9th ed 2018

Zelltyp
Expression von MHC-II
Expression von Kostimulatoren
Hauptfunktion
Dendritische Zellen
konstitutiv
mit Reifung zunehmend
konstitutiv
verstärkt durch TLR-Signale
Priming: Naive T-Zellen werden zu T-Zell-Antwort veranlasst
Makrophagen
sehr gering, durch IFN-γ und T-Zellen (CD40-CD40L) angeregt
angeregt durch TLR-Signale, IFN-γ, CD40-CD40L-Interaktion
Antigenpräsentation an Effektor-CD4+-Zellen (Abtötung phagozytierter Mikroben)
B-Lymphozyten
konstitutiv
steigt mit IL-4, Verknüpfung von Antigenrezeptoren, CD40-CD40L-Interaktion
Steigt mit CD40-CD40L-Interaktion, Verknüpfung von Antigenrezeptoren Antigenpräsentation an Helfer-CD4+-Zellen (Interaktion Helfer-T- / B-Zellen)
Gefäßendothel
Mesenchym
einige Epithelien
konstitutiv
durch IFN-γ anregbar
niedrig oder nicht vorhanden
Aktivierung antigenspezifischer T-Zellen (?)
 
Wechselseitige Verstärkung: Antigenpräsentierende Zellen empfangen ihrerseits Signale von T-Zellen. Dadurch wird ihre präsentierende Funktion verstärkt. Insbesondere exprimieren (durch Antigenerkennung und Korezeptorexpression stimulierte) CD4+-Zellen ein Membranmolekül namens CD40-Ligand (CD40L, Tabelle), der wiederum an CD40 bindet, das sich an der Oberfläche von dendritischen Zellen und Makrophagen findet. Von T-Zellen sezerniertes IFN-γ bindet weiters an Interferonrezeptoren der APCs, was den ganzen Vorgang verstärkt (positive Rückkopplung).  
 

<Abbildung: Funktion verschiedener antigenpräsentierender Zellen
Nach einer Vorlage in Abbas / Lichtman / Pillai: Cellular and Molecular Immunology, 9th ed. 2018

Dendritische Zellen, Makrophagen und B-Lymphozyten sind die drei wichtigsten Arten antigenpräsentierender Zellen für CD4+-Lymphozyten. Sie präsentieren Antigene zu verschiedenen Stadien verschiedener Typen von Immunantworten.
 
Effektor-T-Zellen aktivieren Makrophagen und T-Zellen über Zytokine und Membranrezeptoren


     Dendritische Zellen im Gewebe "fangen" Mikroben und Protein-Antigene ein, die durch epitheliale Barrieren (Haut, Atemwege, Darm..) in den Körper gelangt sind, und präsentieren sie anschließend an Lymphozyten. Sie kommen praktisch in allen Geweben vor und sind "Melder"-Zellen in einer vorgeschobenen Position der immunologischen Abwehr.

Diese teils mobilen, teils stationären Zellen (ihre Vorläufer können sich auch zu Monozyten entwickeln) finden sich vor allem in lymphatischem Gewebe, Schleimhäuten und Organparenchym - z.B. Langerhans-Zellen   in der Haut, die noch unreif sind (<Abbildung). Sie überprüfen pro Stunde etwa das Vierfache ihres eigenen Zellvolumens; dazu verfügen sie über zahlreiche Rezeptoren, mit denen sie Mikroben und andere Antigene binden und auf sie reagieren, z.B. mustererkennende Moleküle wie toll-like receptors oder Mannoserezeptoren.
 

>Abbildung: Wege, auf denen das Antigen das "eigentliche Innere" des Körpers betritt
Nach einer Vorlage in Abbas / Lichtman / Pillai: Cellular and Molecular Immunology, 9th ed. 2018

Antigene werden entweder "vor Ort" von dendritischen Zellen in Haut und Schleimhäuten erkannt, aufgenommen (pinozytiert) und zu regionalen Lymphknoten transportiert (auch freie Antigene können über lymphatische Gefäße hierher gelangen).
 
Antigene, die es direkt in die Blutbahn schaffen, werden von dendritischen Zellen der Milz abgefangen


Dendritische Zellen fangen Antigene entweder schon in der Peripherie ab (Haut, muköse Oberflächen in Darm, Lunge u.a.) und bringen sie über Lymphgefäße zu Lymphknoten - oder, wenn Antigene im Kreislauf auftauchen, in der Milz (>Abbildung). Mikrobielle Antigene können natürlich auch aus infiziertem Gewebe in die Blutbahn gelangt sein.

Die Lymphe enthält solchermaßen Antigene in ungterschiedlicher Form: Sowohl frei gelöst (zellfrei) als auch zellgebunden (antigenpräsentierende Zellen). In den Lymphknoten (die auch als Filter wirken) werden die Antigene konzentriert und immunologisch bearbeitet.

Dendritische Zellen haben eine besondere Fähigkeit: Sie zeigen angeborene sowie adaptive Abwehrelemente. Sie detektieren mittels verschiedener Rezeptoren die Anwesenheit von Mikroben, triggern Immunreaktionen, bearbeiten mikrobielle Proteine und präsentieren entsprechende Peptide (Antigene) an T-Lymphozyten.

Die Aufgabe dendritischer Zellen ist die Aktivierung naiver T-Zellen - natürlich nur, wenn sie selbst aktiviert wurden. Sie bilden Typ-I-Interferone, die virale Infektion und Replikation hemmen.

Man unterscheidet zwei Gruppen (subsets) dendritischer Zellen:

      Klassische (konventionelle) dendritische Zellen sind der führende Typus. Sie suchen ihre Umgebung konstant nach mikrobiellen Proteinen ab, die durch Epithelien gedrungen sind, oder mittels Pseudopodien durch Epithelbarrieren hindurch (z.B. im Darmlumen), verarbeiten diese und präsentieren Antigene an T-Zellen, was sehr effiziente Reaktionen auslöst.
 
Klassische dendritische Zellen zeigen verschiedene Expressionsmuster ihrer Marker, was weitere Spezifizierung ermöglicht.


      Plasmazellähnliche dendritische Zellen produzieren bei Viruskontakt das antivirale Interferon I (sie sind die führenden Interferon-I-Produzenten im Körper), können Mikroben einfangen und Antigene zur Milz befördern, um T-Zellen zu informieren. Sie nehmen in aktivierter Form eine ähnliche Gestalt wie Plasmazellen an, daher der Name. Wie auch andere dendritische Zellen, stammen ihre Vorläufer aus dem Knochenmark.
 

<Abbildung: Dendritische Zellen fangen Antigene ein und präsentieren sie
Nach einer Vorlage in Abbas / Lichtman / Pillai: Cellular and Molecular Immunology, 9th ed. 2018

Unreife dendritische Zellen in der Epidermis (Langerhans-Zellen) oder Dermis nehmen Antigene auf und transportieren sie in Lymphknoten - währenddessen reifen sie zu effizienten APCs. Diese Reifung erfolgt gleichzeitig mit, aber unabhängig von der Präsentationsfunktion.
 
Die APCs erkennen mikrobielle Merkmale mittels ihrer Mustererkennungsrezeptoren; sie unterscheiden sich von denen, welche die T-Zelle (MHC-assoziiert) erkennt. Diese Erkennung (und Reizung durch Zytokine) regt die APC an


Im Gewebe ruhende ("unreife") dendritische Zellen sind auf das Einfangen von Antigen (antigen capture) spezialisiert. Sie exprimieren zahlreiche Fc- und Mannoserezeptoren (Lektine), mit denen sie Mikroben bzw. deren Proteine binden und endozytieren, aber kaum zur T-Zell-Aktivierung geeignete Moleküle; ihre MHC-II-Moleküle (etwa eine Million an der Zahl) haben eine Halbwertdauer von ca. 10 Stunden.

Aktivierte ("reife") dendritische Zellen hingegen konzentrieren sich auf die Antigenpräsentation an T-Zellen.
Sie exprimieren vor allem dazu geeignete Membranmoleküle (ICAM-1, IL-12 etc), aber keine Fc- und Mannoserezeptoren mehr, und verlieren ihre Adhäsivität für Epithelien bzw. Gewebe, die sie daraufhin verlassen. Stattdessen beginnen sie Rezeptoren (CCR7) für Chemokine (CCL19, CCL21) zu entwickeln, mit denen sie in Lymphgefäße "gelockt" und anschließend in der T-Zell-Zone der regionalen Lymphknoten befestigt werden. Die Zahl der MHC-II-Moleküle auf den APCs nimmt ≈7-fach, ihre Halbwertszeit mehr als 10-fach zu. Die Effizienz der Antigenpräsentation steigt dadurch enorm an.

Im Lymphknoten siedeln sich die dendritischen Zellen an und präsentieren entdeckte Antigene an naive T-Lymphozyten. Diese exprimieren ebenfalls CCR7, auf diese Weise treffen sich die beiden Zellpopulationen im Lymphknoten, ihre Begegnungswahrscheinlichkeit ist hoch. Passen die MHC-Peptid-Komplexe und T-Zell-Rezeptoren zueinander, kommt es zur Klonselektion der betreffenden T-Zelle (APCs exprimieren auch Kostimulatoren).

Selbstbegrenzung: Aktivierte dendritische Zellen 
leben nur eine Woche - so wird sichergestellt, dass die Immunantwort proportional zur aktuellen Herausforderung erfolgt und nicht zu lange persistiert.

Dendritische Zellen in lymphatischem Gewebe präsentieren auch an (und selektionieren) B-Zellen; im Lymphknoten werden sie als follikuläre Zellen bezeichnet, weil sie in B-Zell-reichen Follikeln (Lymphknoten: rindennahe) angesiedelt sind.
(T-Zell-reiche Zonen sind im Lymphknoten parakortikal, in der Milz periarteriolär angesiedelt.)
 
     Makrophagen können sich im Ruhezustand auf Phagozytose beschränken, oder aktiviert bzw. hyperaktiviert sein. Sie sind in der Lage, sich IgG- oder C3b-opsonisierte Mikroben einzuverleiben und abzutöten. Im Gegensatz zu dendritischen Zellen verlassen sie das Gewebe während ihres Aktivitätszyklus nicht.

Monozyten können an beliebigen Stellen die Blutbahn verlassen, sich in Makrophagen entwickeln und Mikroben phagozytieren. Dann zeigen sie CD4+-Lymphozyten Produkte des anschließenden Abbauvorganges her.

Makrophagen verstärken die Aktivierung herbeigerufener reifer T-Zellen (während
dendritische Zellen naive T-Zellen aktivieren), indem sie an Effektor-T-Zell-Rezeptoren Fragmente phagozytierter Antigene präsentieren. Die T-Lymphozyten aktivieren darauf hin die Makrophagen und veranlassen sie zur Tötung phagozytierter Mikroben (zellmediierte Immunität). Makrophagen verstärken den schon "eingeschalteten" Vorgang der Immunabwehr.
 
     Auch aktivierte B-Lymphozyten können T-Helfer-Zellen aktivieren. Sie tun das zu einem späten Zeitpunkt, z.B. wenn eine Reinfektion stattfindet und Gedächtniszellen aktiviert werden. Sie müssen ja auch durch T-Zellen aktiviert werden, die ihrerseits von dendritischen Zellen "eingeschaltet" worden sind.

Aktivierte B-Zellen sind darauf spezialisiert, Peptide aus dem Antigenabbau (über B-Zell-Rezeptoren aus dem Extrazellulärraum "gefischt", phagozytiert und auf MHC-II präsentiert) an der Zelloberfläche zu konzentrieren und dadurch Helfer-T-Zellen auch bei niedriger Antigenkonzentration rasch und effizient zu aktivieren. Sie erhöhen also in der späten Phase nach einem Erstkontakt die Antigenpräsentation oder verstärken früh bei einem Zweitkontakt eine schon "gelernte" Immunabwehr.


Immunologische Spezifika des Nervensystems
   

Das ZNS hat keine Lymphgefäße - es verfügt über andere Wege, um Antigene zu Lymphknoten zu transportieren und sie dort an Lymphozyten zu präsentieren. Die interstitielle Flüssigkeit des Gehirns gelangt über perivaskuläre Kanäle in die zerebrospinale Flüssigkeit (ZSF, liquor cerebrospinalis). Im Subarachnoidalraum können dann meningeale Makrophagen (Mikroglia) und andere antigenpräsentierende Zellen die volle Bandbreite der Antigene aus dem ZNS sammeln. Darüber hinaus werden gelöste Antigene von hier über Strukturen des Geruchsnerven und durch die Siebbeinplatte hindurch zur Nasenschleimhaut, und dann über Lymphgefäße weiter zu tiefen Lymphknoten im Halsbereich transportiert (>Abbildung).
 

>Abbildung: Antigene aus dem Gehirn gelangen zu Stationen der Immunabwehr
Nach Ransohoff R, Engelhardt B. The anatomical and cellular basis of immune surveillance in the central nervous system. Nat Rev Immunol 2012; 12: 623-35

Links oben: Übersicht (Sagittalschnitt); links unten: Pacchioni-Granulationen; rechts: Detailsansicht. Um Arteriolen liegen Piazellen, außen folgt der Virchow-Robin-Raum zwischen Pia und glia limitans, die von Astrozytenfüßchen gebildet wird.
 
Antigene gelangen über villi arachnoidales in den liquor und von hier über Strukturen des I. Hirnnerven zur Nasenschleimhaut, dann weiter über Lymphgefäße zu tiefen Halslymphknoten.

ZSF = zerebrospinale Flüssigkeit (liquor cerebrospinalis)


In den zervikalen Lymphknoten werden die zentralnervösen Antigene akkumuliert und die Produktion entsprechender Antikörper angeregt. Der Liquor cerebrospinalis dient also als funktionelles Äquivalent für Lymphflüssigkeit - er ist immunologisch aktiv. Wie allerdings die Präsentation zerebraler Antigene im Detail organisiert ist, ist noch unklar.

Das Gehirn wird oft zu den "immunprivilegierten Geweben" des Körpers gezählt. Entzündliche Vorgänge bedrohen Integrität und Funktionsfähigkeit des Nervensystems. Die Blut-Hirn-Schranke trägt dazu bei, mittels Schlussleisten (tight junctions) zwischen den Endothelzellen den Durchtritt von löslichen Faktoren und Immunzellen einzuschränken. Die Aktivierungsschwelle der Mikroglia ist vermutlich höher als bei Makrophagen in anderen Geweben.

Eine Überwachungsfunktion gegenüber Mikroben ist im Gehirn dennoch gegeben; T-Lymphozyten und Monozyten scheinen es vor Viren zu beschützen (das Gehirn ist wohl doch nicht so "immunprivilegiert" wie ursprünglich gedacht).


Nervenzellen produzieren die Neuropeptide vasoaktives intestinales Peptid (VIP) und melanozytenstimulierende Hormone (MSH). Bei antigener Stimulation oder Entzündung werden diese Faktoren weiters von T-Helferzellen (Th2) und Makrophagen freigesetzt.

      VIP findet sich im Gehirn und in einigen vegetativen Nerven. So spielt es eine wichtige Rolle im nucl. suprachiasmaticus, wo die "zirkadiane Uhr" des Körpers sitzt und VIP an der Synchronisierung dieses "cirdadian pacemaker" mit dem Hell-Dunkel-Zyklus der Umwelt beteiligt ist.

      MSH (Melanotropine) befinden sich in Hypothalamus und Hypophysenzwischenlappen, sie regulieren die Melaninsynthese, begrenzen aber auch die pyrogene Reaktion (Fieber) und sind an diversen hypothalamischen Funktionen (sexuell, trophisch) beteiligt. MSH und ACTH haben ein gemeinsames Vorläufermolekül: Pro-opiomelanokortin (POMC).

VIP und MSH bewirken Immuntoleranz und hemmen Autoimmunität durch Induktion und Differenzierung von Th2-Zellen sowie Abschwächung der Th1-Funktion. VIP und MSH regen die Bildung regulatorischer T-Zellen an, diese unterdrücken die Aktivierung autoreaktiver T-Zellen durch Interleukin 10 (IL-10) und transforming growth factor (TGF).
 
Weiters hemmen sie die Bildung von Zytokinen, Chemokinen und freien Radikalen in Makrophagen und Mikroglia, das Zielgewebe wird so vor Entzündung und zytotoxischen Wirkungen geschützt.
 
   Mikroglia


<Abbildung: Neuron und Mikrogliazelle
Nach Ransohoff RM,  Cardona AE, The myeloid cells of the central nervous system parenchyma. Nature 2010; 468: 253–62

Neuronen hemmen Mikroglia-Zellen (rote Zackenlinie) auf verschiedene Weise: Lösliche Zytokine, Adhäsionsmoleküle und deren Rezeptoren (grün); kontaktabhängige Einflüsse zwischen Neuron und Gliazelle (violett); Transmitter und ihre Rezeptoren (rot)

  CD, cluster of differentiation    Chemokine    DAP12, DNAX activation protein of 12 kDa, ein Adaptermolekül, das an zahlreiche Rezeptoren bindet    HSP, Hitzeschockprotein    ICAM, Intercellular adhesion molecule    IL, Interleukin    LFA, Lymphocyte function-associated antigen    TGF    TREM, Triggering receptor expressed on myeloid cells


Die Mikroglia (auch Hortega-Zellen oder Mesoglia) ist ein sehr mobiler (durch das Gehirn patrouillierender) Teil des Immunsystems; sie macht ≈20% aller Gliazellen aus.

Mikrogliazellen verfügen über eine Reihe verschiedener Rezeptoren (<Abbildung), und Nervenzellen können Gliazellen über Transmitter (rot), Zytokine und freie Adhäsionsmoleküle (grün) und direkten spezifischen Kontakt hemmen (violett).

Mikrogliazellen sind für die Immunabwehr im Gehirn extrem bedeutsam; Antikörper können die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren, und die Funktion der Mikroglia dominiert die aktive Immunabwehr in Gehirn und Rückenmark:
 

<Abbildung: Mikrogliazellen - Status und Morphologie
Nach einer Vorlage in Boron / Boulpaep, Medical Physiology, 1st ed. Saunders 2003

Ruhende Mikrogliazellen werden durch Verletzungen des Gehirngewebes aktiviert und verwandeln sich in Phagozyten


  Mikrogliazellen überprüfen Neuronen fortlaufend auf Intaktheit, ihre Fortsätze verändern in Minutenschnelle ihre Position, Schäden werden behoben, abgestorbene Zellfragmente entsorgt. So erkennt und entfernt die Mikroglia potenziell pathogene Substanzen aus dem Nervengewebe. Neurotrophe Substanzen werden gebildet und unterstützen gefährdete Nervenzellen; ein Übermaß neuronaler Erregung wird abgepuffert.

Alarmierte Mikroglia mit ihrer "Lizenz zum Töten" kann äußerst aggressiv wirken (über Bildung freier Radikale zur Bakterienabtötung oder Antigenpräsentation) und daher auch für das Nervengewebe potenziell gefährlich werden.

Zahlreiche Stoffe aktivieren und regulieren Mikrogliazellen ("On-Signale"); andererseits ist das Ausbleiben bestimmter chemischer Signale von Nachbarzellen - z.B. Chemokinen aus Neuronen - ein Alarmsignal, das Mikroglia ebenfalls aktiviert ("Off-Signale"). Die Fähigkeiten der Mikroglia zu Angriff und Zerstörung machen sie zu effizienten Komponenten der Abwehr, bei neurodegenerativen Erkrankungen (Parkinson, Alzheimer) auch zu gefährlichen Zellen.


Eine Reise durch die Physiologie


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