Eine Reise durch die Physiologie - Wie der Körper des Menschen funktioniert
 

    
Ernährung und Verdauungssystem

Kauen, Schluckreflex, Ösophagus
© H. Hinghofer-Szalkay

Achalasie: Χαλασος = schlaff (fehlende Erschlaffung)
Epiglottis: ἐπί = auf, über, λῶττα = Zunge (auch: Sprache)
Gastroskopie: γαστήρ = Magen, σκοπεῖν = beobachten
Ösophagus: οισοφάγος = Schluckdarm
Parodont: παρά = neben, ὀδούς / ὀδόντος = Zahn
Sphinkter: Σφίγξ = Würgerin



Die Kaubewegungen des Mund-Gesichts- ("orofazialen") Systems sind zum Großteil vom Hirnstamm unbewusst gesteuert: Ein "Kaumustergenerator" liefert - unter Beteiligung des Kleinhirns - zyklisch-rhythmische Kontraktionsmuster. Informationen von Rezeptoren der Mund-, Zungen- und Rachenschleimhaut - diese detektieren physikalische (Mechano-, Thermorezeptoren) und chemische Beschaffenheit (Geschmacks-, Geruchsrezeptoren) des Mundinhaltes - sowie von den Zähnen werden miteinbezogen, die Aktivität der Speicheldrüsen stimuliert.

Beim ca. 5 Sekunden dauernden Schluckvorgang unterscheidet man

 -- eine orale Phase, die willkürlich beeinflussbar ist (Steuerung durch Temporallappen, limbisches System und motorischen Kortex);

 -- die pharyngeale Phase wird vom Hirnstamm koordiniert. Der obere Ösophagussphinkter erschlafft zunächst, nach Passage des Bolus baut er kurz einen hohen Druck (bis ~100 mmHg) auf, der die Verbindung zum Rachen verschließt und zum Transport Richtung Magen beiträgt;

 -- gleichzeitig garantiert die laryngeale Phase, dass der Kehlkopf den Zugang zur Luftröhre abdichtet.

 -- In der oesophagealen Phase bringt die Peristaltik der Speiserähre
(~4 cm/s) den Schluck bis zum Mageneingang (unterer Ösophagussphinkter). Dieser erschlafft vorübergehend, der Bolus gelangt in den Magen, die Cardia kontrahiert wieder und dichtet den Mageneingang ab.

 

Mundbereich: Kauen und Zähne, Mundschleimhaut Schlucken Reflux

Core messages
  
Kauen ist ein weitgehend unbewusst ablaufender Vorgang
 
Das Kauen hat drei Hauptfunktionen: Erleichterung des Schluckvorganges durch Zerkleinerung des Mundinhaltes; Durchmischung des Mundinhaltes mit Speichel; Vergrößerung der Oberfläche, an der Enzyme auf die Bestandteile des Mundinhaltes einwirken können.

Als orofaziales System
bezeichnet man den Raum in der Mundhöhle oberhalb des Kehlkopfs. Hier erfolgt die erste Zerkleinerung fester Nahrung durch Kauen und Bewegungen von Zunge und anderen muskulären Teilen des Pharynx. Diese Bewegungen sind teils gezielt (willkürlich beeinflussbar), teils entsteht ein oszillatorischer Rückkopplungszyklus, der weitgehend unbewusst abläuft (Kleinhirnbeteiligung). Beim Kaureflex kommt es durch das Absenken des Kiefers (Muskelspindeln) reflektorisch zur Aktivierung der Kaumuskulatur, deren anschließende Kontraktion und reflektorische Hemmung den Kiefer wieder absinken läßt. Das Reflexzentrum liegt im Hirnstamm ("Kaumustergenerator").
 

>Abbildung: Lage und Funktion der wichtigsten am Kauvorgang beteiligten Muskeln

Der Masseter und m. pterygoideus medialis (nicht gezeigt) sorgen für den Kieferschluss, der m. temporalis zieht zusätzlich den Unterkiefer zurück, der m. pterygoideus lateralis ermöglicht seitliche Mahlgleitbewegungen und schiebt den Unterkiefer vor.
 
Der m. digastricus wirkt als Antagonist der Kaumuskeln: Er öffnet den Kiefer

Der Kiefer wird durch Aktivität des Masseter und Pterygoideus medialis geschlossen (Zubeißen), der M. temporalis zieht den Unterkiefer zurück, der Pterygoideus lateralis schiebt den Unterkiefer vor und bewirkt seitliche Gleitbewegungen. Der Digastricus öffnet den Kiefer (Mundöffnung) und wirkt insoferne als Antagonist der Kaumuskeln.

Bilaterale Projektion von der motorischen Großhirnrinde: Die Kaumuskulatur wird über motorische Neurone des V. Hirnnerven (Trigeminus) versorgt. Diese erhalten Projektionen vom motorischen Kortex über den tractus corticonuclearis (willkürliche Steuerbarkeit der Kaubewegungen) - und zwar beidseitig, sodass eine einseitige Blockade dieser Bahn keine wesentliche Lähmung der Kaumuskulatur hervorruft.

Sensorische Zuflüsse aus dem Mundbereich: Die Mund-, Zungen- und Rachenschleimhaut ist bestückt mit Rezeptoren zur Messung der physikalischen (Mechano-, Thermorezeptoren) und chemischen Beschaffenheit (Geschmacks-, Geruchsrezeptoren) des Mundinhaltes. Dies dient der Wahrnehmung (Großhirn) sowie der reflektorischen Steuerung von Kauen und Speichelsekretion (Koordination im Hirnstamm: nucl. salivatorius des N. facialis).

Bearbeitung in den Mund aufgenommener Inhalte. Die Gesamtheit der Mechanismen, welche Aufnahme, Zerkleinerung, Anfeuchtung, Durchmischung, Vorverdauung und Weitertransport von mit dem Mund aufgenommener Flüssigkeit und Nahrung zum Ziel haben, wird in der Zahnmedizin als orofaziales System bezeichnet. Als Kau- oder Okklusionsebene bezeichnet man dabei den geometrischen Ort, an dem sich bei Kieferschluss die Zähne des Ober- und des Unterkiefers treffen.

 

<Abbildung: Positionen und Bewegungen des Unterkiefers
Nach: Reitemeier / Schwenzer / Ehrenfeld, Einführung in die Zahnmedizin, Thieme 2006

Die Aufzeichnung der Grenzbewegungen des Unterkiefers in der durch die Schneidezähne definierten Sagittalebene (rot) wird als Posselt-Diagramm bezeichnet. Zweck seiner Aufzeichnung ist eine Funktionsanalyse des Kausystems


                 Zahnwissen-Lexikon



Was die bei Kaubewegungen auftretenden Bewegungen des Unterkiefers betrifft, spricht man von Hauptpositionen, die er bei Beginn einer Kaubewegung zum Oberkiefer einnimmt:

    Ruhelage (Ruheschwebe): Sie ist bestimmt durch Kaumuskeltonus und Kopfposition und wird definiert als die "unbewusste Abstandshaltung des Unterkiefers zum Oberkiefer bei aufrechter Kopf- und Körperhaltung". Der Zug der Schwerkraft am Unterkiefer aktiviert in der Kaumuskulatur den Muskelspindelreflex. Faktoren wie Kälte, Stress oder Pharmaka beeinflussen Muskeltonus und Ruhelage.

     Diverse aktive Stellungen wie (zentrische) Okklusion (=Verschluss), Interkuspidalposition (maximaler Vielpunktkontakt zwischen den Kiefern) u.a.
 
Bei den Kieferbewegungen (Kaumotorik) unterscheidet man weiters

    Öffnungsbewegungen (dabei sind mehrere Muskeln aktiv: M. pterygoideus lat., M. digastricus, M. mylohyoideus), die Kondylen rücken nach vorne-unten)
 
    Lateralbewegungen (komplexe Seitenverschiebung des Unterkiefers; je nach Bewegungsmuster spricht man von De-, Re-, Pro-, Subtrusion)
 
    Schließbewegungen (die Elevatoren M. masseter, M. temporalis, M. pterygoideus med. werden aktiviert, die Kondylen wandern in die fossa mandibularis zurück).

Zähne als Rezeptoren. Die Zähne können beim Kieferschluss insgesamt einer Kraft ausgesetzt sein, die ausreicht, das Körpergewicht der Person zu halten. Die Kaukraft passt sich der Beschaffenheit des Kaugutes an; bei plötzlich auftretendem "hartem" Widerstand stellen Mechanorezeptoren im Zahnhalteapparat (Parodont
) sicher, dass die Schließmuskulatur gehemmt wird (~40 ms silent period im Elektromyogramm). Der maximale Kaudruck reicht etwa aus, um eine Haselnuss zu knacken. Die Wahrnehmungsschwelle für Fremdkörper zwischen den Zahnreihen beträgt ~0,01 mm (!).

Zähne und das gesamte orofaziale System haben außer der Zerkleinerung des Kaugutes auch weitere Funktionen, wie z.B. bei der Lautbildung (phonetische Funktion, dentale Artikulation) und im ästhetischen Sinne. Zahndefekte können sich insbesondere durch Störungen des s-Lauts auswirken (Lispeln).

Mundschleimhaut
. Die Mundhöhle bietet eine Resorptionsfläche von etwa 0,2 m2.
 
  Vor allem kleinere, lipophile Moleküle, die schon in geringer Dosierung wirksam sind, werden gut aufgenommen und gelangen direkt in den systemischen Kreislauf (Umgehung des hepatischen first-pass-Effekts). Das ist für Stoffe wie das gefäßerweiternde Glyzeroltrinitrat (Nitroglyzerin) bedeutsam, das sonst von der Leber (zu) rasch metabolisiert würde. Um die Resorptionszeit zu erhöhen, sollten solche Substanzen vor dem Verschlucken möglichst lange im Mund behalten werden.
 
Schlucken und Speiseröhrenpassage
   
Der Schluckvorgang wird durch den Schluckreflex im “Schluckzentrum” des Hirnstamms (formatio reticularis der medulla oblongata und unteren pons) koordiniert. Beteiligt sind fünf Hirnnerven(paare): III (trigeminus), VII (facialis), IX (glossopharyngeus), X (vagus) und XII (hypoglossus).

Der Schluckreflex wird durch mechanische Reizung (Lippenschluß, Anspannen der Wangenmuskeln, Zungenbewegung gegen den harten Gaumen) der Rachenrückwand und/oder des Zungengrundes durch einen sich bildenden Bolus (Speisebrei, Flüssigkeit) ausgelöst.

Schluckgröße: Mit einem Schluck kann eine erwachsene Person bis zu ~40 ml Flüssigkeit (meist deutlich weniger) in den Magen befördern (pro Tag schluckt der Mensch ein- bis dreitausendmal, die Flüssigkeitsaufnahme beträgt dabei insgesamt etwa 1-2 l/d) - Nahrungsbrei bis ~20 ml pro Schluck.
 

>Abbildung: Schluckvorgang
Nach einer Vorlage in Johnson: Gastrointestinal Physiology, 9th ed., Mosby 2019

A: Der Beginn (orale Phase) des Schluckreflexes kann durch Meldungen oraler Rezeptoren ausgelöst werden und ist bewusst triggerbar. Die Zunge presst den Bolus gegen den Gaumen. Die Pfeile geben die Lage des oberen, mittleren und unteren Rachenkonstriktors an

B: Rückwärtige Zungenpartien drücken den Bolus gegen Gaumen und Rachenrückwand, in der sich der obere Konstriktor zusammenzieht und zusammen mit dem weichen Gaumen eine Abdichtung gegen den Nasenraum erzeugt. Die pharyngeale Phase hat begonnen. Die orale und pharyngeale Phase zusammen dauern etwa eine Sekunde

C: Der mittlere Konstriktor steuert den Bolus nach unten, der Kehldeckel (Epiglottis) verschließt sich bei gleichzeitigem Anheben des Kehlkopfs (laryngeale Phase), dadurch ist der Zugang zur Luftröhre versperrt (Schluckapnoe). Der Druck im oberen Oesophagussphinkter (m. cricopharyngeus, constrictor pharyngis inferior) nimmt vorübergehend ab, was das Weitergleiten des Bolus erleichtert

D: Oesophageale Phase: Kontraktion des oberen Oesophagussphinkters erzeugt einen Druck bis zu 100 mmHg, eine peristaltische Welle (3-5 cm/s, Dauer 7-10 s) befördert den Bolus zum Magen, die Cardia (unterer Oesophagussphinkter) relaxiert vorübergehend, um den Bolus in den Magen gelangen zu lassen


Der Ablauf des Schluckvorgangs lässt sich in mehrere Phasen gliedern (>Abbildung):

     Die orale Phase der Schlucksteuerung ist willkürlich beeinflussbar und vom medialen Temporallappen, dem limbischen System sowie dem motorischen Kortex gesteuert. Sie umfasst Anteile von Kau-, Zungen- und Wangenmuskelmotorik. Die Zunge hebt sich gegen das Dach der Mundhöhle und schiebt den Schluck nach rückwärts. Der weiche Gaumen schmiegt sich an die Rachenhinterwand und verschließt den Eingang zur Nasenhöhle. (Patienten mit Gaumenspalte haben Schwierigkeiten, den Mundinhalt nicht in die Nasenhöhle gelangen zu lassen.)

     Sobald der Schluckvorgang freigegeben ist, beginnt die pharyngeale Phase unter Koordination des Schluckzentrums in verlängertem Mark und der Pons, wobei der dorsale sowie motorische Vaguskern (nucl. ambiguus im Tegmentum) im Mittelpunkt steht. Der obere Ösophagussphinkter erschlafft vollständig, der Bolus passiert ihn, worauf der Sphinkter kontrahiert und für etwa eine Sekunde einen Druck von bis ~60-100 mmHg aufbaut.

     Gleichzeitig läuft eine laryngeale Phase ab, die sicherstellt, dass der Kehlkopf den Zugang zur Luftröhre abdichtet. Der Kehlkopf hebt sich, der Kehldeckel (Epiglottis ) schließt den Eingang zu Kehlkopf und Luftröhre ab.

     Oesophageale Phase: Die primäre Ösophagusperistaltik transportiert den Bolus mit ~4 cm/s Richtung Magen; der untere Ösophagussphinkter erschlafft, bis der Bolus (~5 Sekunden nach Beginn des Schluckvorgangs) die Cardia (Mageneingangs-Schließmuskel) passiert. Anschließend kontrahiert der untere Sphinkter für ~2 Sekunden. Dieser Vorgang wird durch das lokale Nervengeflecht gesteuert. Die Kontraktion des unteren Ösophagussphinkters steht unter dem Einfluss mehrerer Wirkstoffe, z.B. wird der Spinktertonus durch Gastrin erhöht, durch Prostaglandin E reduziert.
 
  
<Abbildung: Nervöse Versorgung der Speiseröhre
Nach Mittal RK, Balaban DH. The esophagogastric junction. N Engl J Med 1997; 336: 924-32

Afferente Bahnen über den Vagusnerv zum nucl. tractus solitarii, efferente vom dorsalen Vaguskern (Peristaltik, Relaxation des unteren Sphinkters).
 
Unterer Speiseröhrenabschnitt: Versorgung über den plexus myentericus

    ACh, Acetylcholin    NO, Stickstoffmonoxid    VIP, vasoaktives intestinales Peptid


Innervation der Speiseröhre: Die Speiseröhre ist sowohl sympathisch als auch parasympathisch (Vagusnerv: Peristaltik, Relaxation des unteren Sphinkters) versorgt.

Motorik:
Fasern des X. Hirnnerven

    aus dem nucleus ambiguus steuern - via direkte Synapsen an motorischen Einheiten - quergestreifte (kraniale), und solche

    aus dem dorsalen Kern - über Kontakte mit dem zwischen Longitudinal- und Zirkulärschicht gelegenen Nervenplexus - glattmuskuläre (kaudale) Anteile der Speiseröhre.

Sensorische
Impulse laufen über vagale Afferenzen zum nucl. tractus solitarii ("nucl. solitarius" - <Abbildung).



Als primäre Ösophagusperistaltik bezeichnet man die Fortsetzung des willkürmotorisch kontrollierbaren Schluckaktes. Primäre Peristaltik ist über Fasern des N. vagus gesteuert und würde auch bei Durchtrennung des Muskelschlauchs der Speiseröhre weiter ablaufen.

Sekundäre Ösophagusperistaltik wird durch lokale Dehnung der Speiseröhrenwand ausgelöst. Das kann auftreten, wenn eine (primäre) peristaltische Welle den Ösophagus nicht komplett geleert hat, oder wenn Mageninhalt retrograd in die Speiseröhre gelangt (gastro-ösophagealer Reflux). Je größer der zu befördernde Bolus, desto stärker die peristaltische Welle. (Sehr starke Dehnung kann die Peristaltik auch stoppen.) Glattmuskuläre Anteile der Speiseröhre können dank ihres Nervenplexus auch nach Vagotomie (also ohne parasympathische Beteiligung) peristaltische Aktivität generieren.

Die Auslösung einer peristaltischen Ösophaguswelle wird normalerweise nicht bewusst wahrgenommen. Ziel der Peristaltik ist immer die vollständige Entleerung des Ösophagus ("Reinigungsfunktion" - kann mehrere nacheinander auftretende peristaltische Wellen erfordern). Die genauen Steuerungsmechanismen sind komplex und nur unvollständig verstanden. Die Peristaltik der Speiseröhre wird sowohl lokal als auch von Hirnstamm gesteuert. Die Relaxation des oberen Ösophagussphinkters erfolgt durch lokale Unterdrückung von Impulsen aus dem Schluckzentrum.

Die Peristaltik des Ösophagus ist übrigens so kräftig, dass sie auch gegen die Schwerkraft (z.B. im Kopfstand) Speiseröhreninhalt in den Magen befördern kann.
 

>Abbildung: Peristaltik des Ösophagus
Nach Goyal RK, Paterson WG. Esophageal motility. In: Wood JD, ed. Handbook of Physiology: The Gastrointestinal System. Washington, DC: American Physiological Society, 1989: 865–908

Links: Ein Magenkatheter mit Drucksensoren liegt in der Speiseröhre. Rechts: Synchrone Druckregistrierungen von verschiedenen Messstellen (grüne Punkte). Die Marke gibt den Zeitpunkt an, an dem die Schluckwelle im Pharynxbereich (Registrierung ganz oben) mit der Entspannung des oberen Ösophagussphinkters zusammenfällt.
 
Die Kontraktion der Rachenmuskulatur - hier wird ein Spitzendruck von ~100 mmHg erreicht - fällt mit der Entspannung des oberen Ösophagussphinkters zusammen, der sonst einen hohen Ausgangsdruck (fast 100 mmHg) aufweist. Dieser Druckreduktion folgt die peristaltische Welle Richtung Magen (zweiphasiger Verlauf der Druckkurve) mit Spitzendrucken um die 50 mmHg. So kann ein Schluck bei Kopfstand auch gegen die Schwerkraft in den Magen befördert werden.
 
Der untere Ösophagussphinkter - sein Verschlussdruck beträgt höchstens 25 mmHg - erschlafft schon während der Peristaltik in der Speiseröhre und bleibt relaxiert, bis die Kontraktionswelle hier ankommt. Die Cardia (Mageneingang) öffnet den Zugang zum Magen, dessen Fundus (Registrierung ganz unten) nicht an der Kontraktion teilnimmt, sondern als "Rezeptakulum" fungiert (gastrische Akkommodation)


Die Passagezeit von der Auslösung des Schluckvorganges bis zur Ankunft im Magen beträgt einige wenige (meist unter 10, höchstens 20) Sekunden - Flüssigkeiten wandern rascher als fester Inhalt. Manche Menschen sind einer Inaktivierung des Reflexmechanismus im oberen Ösophagusbereich fähig, sodass sie Flüssigkeit aus dem Pharynx kontinuierlich in die Speiseröhre fließen lassen können.

Wird der Ösophagus nicht (vollständig) geleert, tritt durch dehnungsbedingten vago-vagalen Reflex eine sekundäre Peristaltik auf.

Schließlich stellt sich wieder der "Betriebsdruck" beider Sphinkteren bei 20-25 mmHg ein, der Ösophagus ist vollständig erschlafft. (In diesem Zustand können mittels Sonde intrathorakale Druckmessungen - Atemmechanik! - vorgenommen werden - Donders-Druck).






Mechanische Reizung der Rachenwand kann Hust-, Würg- und Brechreflexe auslösen, wie etwa beim Einschieben eines Tubus, einer Magensonde oder eines Gastroskops.
 
  Gastroskopie: Durch Lokalanästhesie (Spray) lassen sich die Rezeptoren in der Rachenschleimhaut betäuben; dies beeinträchtigt auch die reflektorische Kontrolle des Schluckakts.
 
Störungen im Ablauf des Schluckreflexes (bei Bewusstlosen) können lebensbedrohlich wirken: Verschlucktes gelangt in die Luftwege und löst Komplikationen (Behinderung der Belüftung, Entzündung - Aspirationspneumonie) aus.

Kann der untere Ösophagussphinkter im Rahmen des Schluckvorgangs nicht erschlaffen (aufgrund degenerierter inhibitorischer Nervenzellen in diesem Bereich), treten Schluckstörungen (Achalasie Schlucklosigkeit) auf. Durch Ballondilatation kann die Störung behoben werden.
 
Gastro-ösophagealer Reflux
 
Rückfluss sauren Mageninhalts durch die Cardia (Reflux, <Abbildung) ist in geringem Ausmaß als physiologisch anzusehen (im unteren Ösophagusbereich erreicht der pH im Laufe eines Tages bis zu 60 Minuten lang Werte unter 4). Die Schleimhaut hat die Fähigkeit, solche Störungen abzupuffern (Muzine).

Kommt es aber zu einer Überforderung der Schutzmechanismen, kann sich die Schleimhaut entzünden ("Sodbrennen",
Refluxösophagitis). Dies kann zu Geschwürbildung führen und ist als Präkanzerose zu werten.

  Refluxfördernd wirken u.a.

      Lipide in der Nahrung

      zahlreiche Hormone / hormonwirksame Medikamente (Progesteron: Schwangerschaft!, Sekretin, Cholezystokinin, VIP, ß-Agonisten etc) sowie

      Mediatoren (NO, Prostaglandin E2, Dopamin u.a.)

  Den Tonus des unteren Ösophagussphinkters kräftigend und damit refluxhemmend wirken hingegen

      Zwerchfellanspannung

      Nahrungseiweiß

      Hormone wie Gastrin und Somatostatin (Ösophagusschutz während Digestion), α-Agonisten

      Acetylcholin (Parasympathikus!), Histamin, Substanz P etc.
 

 
      Als orofaziales System bezeichnet man den Raum in der Mundhöhle oberhalb des Kehlkopfs (Resorptionsfläche ~0,2 m2). Mechano-, thermo-, geschmacks- und geruchssensible Afferenzen aus Mund- und Rachenraum werden bei Motorik und Speichelsekretion berücksichtigt. Das Kauen dient der Zerkleinerung des Mundinhaltes, der Durchmischung mit Speichel, und der Vergrößerung der Oberfläche, an der Enzyme einwirken. Kaubewegungen erfolgen zum Großteil unbewusst (Kaumustergenerator im Hirnstamm, Beteiligung des Kleinhirns). Der Masseter und m. pterygoideus medialis schließen den Kiefer, der m. temporalis zieht den Unterkiefer zurück, der m. pterygoideus lateralis erzeugt seitliche Mahlgleitbewegungen, der m. digastricus öffnet den Mund. Die Kaumuskulatur wird - auch seitengekreuzt - über den N. trigeminus versorgt. Plötzlich auftretender Widerstand hemmt die Kaumuskulatur (Rezeptoren im Zahnapparat, ~40 ms silent period im EMG)
 
      Der Schluckreflex wird durch mechanische Reizung (Lippenschluß, Anspannen der Wangenmuskeln, Zungenbewegung gegen den harten Gaumen) der Rachenrückwand und/oder des Zungengrundes durch einen Bolus ausgelöst und in der formatio reticularis (medulla oblongata, untere pons) koordiniert. Beteiligt sind der N. trigeminus, facialis, glossopharyngeus, vagus, hypoglossus. Mit einem Schluck können bis zu ~40 ml Flüssigkeit (Nahrungsbrei bis ~20 ml) in den Magen gelangen. Der Ablauf des Schluckvorgangs lässt sich in mehrere Phasen gliedern: Orale Phase (bewusst auslösbar), pharyngeale Phase (Druckwelle bis ~60-100 mmHg), laryngeale Phase mit Schluckapnoe (Schluss der Epiglottis), oesophageale Phase (Afferenz zum nucl. tractus solitarii, Vagusefferenz: Peristaltik, Relaxation des unteren Sphinkters, peristaltische Welle 3-5 cm/s, Dauer 7-10 s). Der untere Ösophagussphinkter (Verschlussdruck bis zu 25 mmHg) wird neuronal und endokrin gesteuert (Gastrin steigert, Prostaglandin E reduziert den Tonus)
 
      Ziel der Ösophagusperistaltik ist vollständige Entleerung (Reinigungsfunktion, eventuell durch mehrere peristaltische Wellen). Primäre Ösophagusperistaltik ist die Fortsetzung des willkürlich kontrollierbaren Schluckaktes, ist über den N. vagus gesteuert und funktioniert auch bei Durchtrennung des Ösophagus. Sekundäre Ösophagusperistaltik wird durch lokale Dehnung der Speiseröhrenwand ausgelöst (z.B. bei gastro-ösophagealem Reflux) und kann auch nach Vagotomie erfolgen. Überdehnung kann die Peristaltik stoppen
 

 

Eine Reise durch die Physiologie


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