Eine Reise durch die Physiologie - Wie der Körper des Menschen funktioniert
 

     
Respirationssystem und Atemgastransport

Ventilation, Diffusion und Perfusion
© H. Hinghofer-Szalkay

Euler-Liljestrand-Reflex:  Ulf v. Euler, Göran Liljestrand
Fenn-Rahn-Diagramm:  Wallace O. Fenn, Hermann Rahn
Hypoxämie: ὑπό = unter, Oxygenium, αἷμα = Blut
Perfusion: fundere = gießen
Quotient: quotie(n)s = wievielmal?
Ventilation: ventus = Wind



In den Alveolen kommen sich Luft und Blut sehr nahe: Die Trennwand mißt zum Teil nur 0,2 µm Durchmesser. Dadurch können Sauerstoff und Kohlendioxid gut ausgetauscht werden (bei körperlicher Belastung jeweils bis zu mehrere Liter pro Minute - bei einer Austauschfläche von ~100 m2).

Die Transportgrößen müssen sinnvoll aufeinander abgestimmt sein: Alveoläre Ventilation einerseits, Lungendurchblutung (Herzzeitvolumen) andererseits. Beide sind nicht einfach zu bestimmen: Die alveoläre Ventilation (=Gesamtventilation abzüglich Totraumventilation) wird über Messung von Gesamtventilation (direkt) und Totraum (indirekt: Indikatorverdünnung) ermittelt; das Herzminutenvolumen z.B. über Dopplersonografie.

Die Durchblutung der Lunge ist - aus hydrostatischen Gründen - höhenabhängig (am stärksten jeweils unten, am schwächsten jeweils oben - bezogen auf die Körperposition im Schwerefeld, nicht auf die Anatomie). Da die Belüftung weniger stark höhenabhängig ist, ergibt sich "oben" ein hoher (~3) und "unten" ein niedriger Wert (~0,6) für das Verhältnis Belüftung zu Durchblutung (Ventilations-Perfusions-Koeffizient).

Daraus folgt: Die Blutgaswerte des aus den jeweiligen Lungenabschnitten zum linken Herzen strömenden Blutes differieren (oben hoher pO2 und niedriger pCO2, unten niedrigerer pO2 und höherer pCO2); oben ist die Arterialisierung des Blutes besonders hoch, unten geringer (wegen der S-förmigen Sauerstoffbindungskurve des Hämoglobins aber immer noch fast 100%).

Insgesamt beträgt der Ventilations-Perfusions-Koeffizient etwa 1, d.h. alveoläre Belüftung und Durchblutung haben etwa einen gleich hohen Betrag, z.B. jeweils 5 l/min (bei aufrechter Körperposition).

Sind die Gefäße eines Lungenabschnitts verlegt (Embolie), nähern sich hier die Gaspartialdruckwerte denen in der Außenluft an (pO2>100 mmHg, geringer pCO2). Bei blockierten Atemwegen ist es umgekehrt, im Extremfall stellen sich venöse Werte ein (pO2≤40 mmHg, pCO2>45 mmHg).


Überblick  Diffusion von Atemgasen Respiratorischer Quotient Regulation Belüftung / Durchblutung (Ventilations-Perfusions-Koeffizient)   Weitere Einflussfaktoren

Core messages
 
Belüftung und Durchblutung sind aufeinander abgestimmt
 
Trockene Einatmungsluft enthält normalerweise ~21% Sauerstoff. Bei hoher Luftfeuchtigkeit reduziert sich dieser Anteil etwas (vollständig wasserdampfgesättigte Außenluft hat bei Körpertemperatur 6% H2O und nur noch knappe 20% O2).

Beim Weg durch die Lufträume nimmt der mittlere Sauerstoffanteil wegen der Mischung mit sauerstoffärmerer Luft wesentlich stärker ab, während der Kohlendioxidanteil im Alveolarbereich etwa 5% und der von Wasserdampf ~6% beträgt
(>Abbildung).


 >Abbildung: Gradienten im Atmungssystem
Nach Keeley TP, Mann GE. Defining Physiological Normoxia for Improved Translation of Cell Physiology to Animal Models and Humans. Physiol Rev 2019; 99:161-234

Noch vor Kontakt mit dem Blut in der Alveolarwand reduziert sich der Anteil an Sauerstoff (rund -7%) und erhöht sich derjenige an CO2 (auf ~5%) und Wasserdampf (auf ~6%)


Der Gradient zwischen Atmosphäre und Alveolen spiegelt sich im Sauerstoffpartieldruck in den Atemwegen (pO2AW) wider. Dieser wird berechnet aus dem um den Wasserdampfpartialdruck (pH2O) reduzierten Luftdruckbetrag (pB) mal dem Volumenanteil an Sauerstoff in der Inspirationsluft (FiO2):

pO2AW = (pB - pH2O) x FiO2

Was geschieht
mit venösem Blut, das vom rechten Herzen über die Pulmonalarterien in das Netz der Alveolarkapillaren
gelangt? Reicht eine Kontaktzeit von ≤1 Sekunde für Gasaustausch und Äquilibrierung aus? Immerhin beträgt die Austauschfläche zwischen Alveolen und Kapillaren (~70 m2 bei körperlicher Ruhe, ~100 m2 bei maximaler Perfusion) nur ein Bruchteil der Austauschfläche im "großen" Kreislauf.

Aber: Die geringe Diffusionsstrecke von 0,2-2 µm
(zum Vergleich: Myokard ~10 µm, Skeletmuskel ~30 µm) ermöglicht ausreichende Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxid.  Bei körperlicher Ruhe sind die Erythrozyten schon nach einem Drittel ihrer Passagestrecke durch die Alveolarkapillaren sauerstoffgesättigt; bei körperlicher Belastung mit dem (infolge bis zu 5-fach gesteigerter Perfusion) rascheren Durchtritt reicht die Kontaktzeit meist immer noch aus, um das Hämoglobin komplett mit Sauerstoff zu beladen.

Bei gestörter Diffusion kann dann der Gasübertritt allerdings ein limitierender Faktor werden, selbst wenn er bei Körperruhe noch unproblematisch erfolgt.

Die alveolo-arterielle Sauerstoffdruckdifferenz nimmt bei starker körperlicher Belastung zu (der alveoläre pO2 steigt in der Phase der "kompensatorischen" Phase des arbeitsbedingten Atemanstiegs, der im Blut bleibt etwa gleich). Dieser erhöhte Partialdruckunterschied erleichtert die Diffusion von Sauerstoff aus der Alveole in das Blut der Alveolarkapillaren. Limitierend für den maximalen Sauerstofftransport zum (Muskel-) Gewebe ist normalerweise der Kreislauf, nicht die Atmung.
 

<Abbildung: Ventilation (V, Belüftung) und Perfusion (Q, Durchblutung) müssen aufeinander abgestimmt sein
Nach einer Vorlage bei hakeem-sy.com

In der normal funktionierenden Lunge liegt der Ventilations / Perfusions-Quotient (V/Q) bei oder etwas unter 1,0 (z.B. alveoläre Ventilation 4 l/min, Herzzeitvolumen 5 l/min → V/Q = 0,8).
 
Der V/Q-Wert bestimmt das Partialdruckmuster der Atemgase (vgl. folgende Abbildung)


Die Atmung ist auf drei Grundvorgängen aufgebaut:

  Belüftung (Ventilation ) der Alveolen (alveoläre Ventilation: Gesamtatmung minus Totraumbelüftung) - dazu s. dort

  Austausch (Diffusion) zwischen Alveolarluft und Alveolarkapillaren - gestört z.B. bei interstitiellen Lungenerkrankungen, bei denen die Diffusionsstrecken erhöht sind

  Durchblutung (Perfusion ) der Lunge (=Herzzeitvolumen) - angetrieben vom Druckunterschied Pulmonalarterien zu Lungenkapillaren, s. dazu dort
  
Die Partialdrucke in den Alveolarkapillaren gleichen sich denen der Alveolarluft an.
 
Der mittlere pCO2 in den Alveolen beträgt 40 mmHg (5,3 kPa).


Im Zustand der körperlichen Ruhe ist nur ein Teil der Lungenkapillaren offen und durchblutet (vor allem in den unteren Lungenabschnitten mit ihren hydrostatisch geweiteten Pulmonalgefäßen). Verschlossene Alveolarkapillaren dienen als funktionelle Reserve, sie werden bei steigendem Herzzeitvolumen in zunehmendem Maß in Perfusion und Arterialisierung integriert.

Hochtrainierte zeigen eine homogenere Durchblutungsverteilung in der Lunge als Untrainierte, was einen Vorteil bei der Oxigenierung des Blutes verschafft.
 

>Abbildung: Verhältnis von alveolärer Ventilation zu Perfusion
Nach einer Vorlage bei rfumsphysiology.com

Oben links: Luftweg blockiert (Perfusion ohne Ventilation, Ventilations-Perfusions-Quotient 0), Gasaustausch nicht möglich, Blut aus diesem Lungenabschnitt behält venöse Sauerstoff- und Kohlendioxidwerte (~40/45 mmHg).
 
Oben Mitte: Alveoläre Ventilation und Perfusion betragsmäßig gleich (Quotient=1), Gasaustausch findet statt, normale Sauerstoff- und Kohlendioxidwerte (~100/40 mmHg).
 
Oben rechts: Blutfluss blockiert (Embolisierung - Ventilation ohne Perfusion), Gasaustausch nicht möglich, Gaswerte nähren sich in diesem Lungenabschnitt denen in der Atemluft an (~150/0 mmHg).
 
Unten: Partialdruckkurve (Kohlendioxid und Sauerstoff) für verschiedene Ventilations-Perfusions-Verhältnisse (Fenn-Rahn-Diagramm ). Aus den Partialdrucken im arteriellen Blut kann man auf das Belüftungs-Durchblutungs-Verhältnis der Gesamtlunge rückschließen


Atemgase diffundieren über die Grenzfläche Luft - Blut
 
Die Kontaktzeit zwischen Blut und Alveolarluft beträgt bei körperlicher Ruhe etwa 0,75 Sekunden. Zu vollständigem Angleich der alveolären und kapillären Partialdruckwerte (pO2, pCO2) kommt es schon nach etwa 1/3 der alveolären Kontaktstrecke bzw. in ~0,25 Sekunden; es besteht also eine deutliche funktionelle Reserve:

Steigt das Herzminutenvolumen an, reduziert sich die Kontaktzeit; bei schwerer körperlicher Belastung
(3-faches Herzminutenvolumen) ist sie auf ~0,25 Sekunden reduziert (3-fach erhöhte Strömung). Der Partialdruckangleich ist immer noch vollständig; erst bei noch höherer Kreislaufbelastung nimmt der kapilläre bzw. Pulmonalvenen- pO2 ab, bei 5-fach gesteigertem HMV (Hochleistungssport) von 100 mmHg auf etwa 80-90 mmHg (~11 kPa).

Bei diesem Partialdruck ist Hämoglobin immer noch so gut wie vollständig sauerstoffgesättigt, das arterielle Sauerstoffangebot an das Gewebe ist also auch bei höchster kardiovaskulärer Belastung in vollem Ausmaß gegeben.

 
Die Diffusion von Sauerstoff aus der Alveole ins Lungengewebe kann ein limitierender Faktor für seinen Übertritt ins Blut sein und ist insbesondere bei interstitiellen Lungenkrankheiten erschwert.
Die Diffusionskapazität (diffusing capacity) gibt an, wie gut ein Gas zwischen Alveolarluft und Blut diffundiert. Diejenige für Sauerstoff wird mit (sehr geringen Mengen) Kohlenmonoxid abgeschätzt, da CO ähnliche Diffusionseigenschaften hat wie O2 (Tabelle).

  Die Diffusionskapazität steigt bei körperlicher Belastung, da die verfügbare Austauschoberfläche sowie die kapilläre Durchblutung in der Lunge infolge des gesteigerten Herzminutenvolumens zunehmen (im Ruhzustand "leere" Kapillaren werden durch die gestiegenen Drucke aufgedehnt und perfundiert, was die Diffusionsfläche erhöht). Bei körperlicher Ruhe enthalten die Alveolarkapillaren nur ein Drittel ihres Fassungsvermögens; mit zunehmender Steigerung des Herzminutenvolumens nimmt diese Füllung zu, und die Diffusionsfläche erhöht sich bis zum Dreifachen des Ruhewertes. Der Strömungswiderstand im Lungenkreislauf nimmt dadurch ab (größere Gesamt-Querschnittsfläche).

CO2 diffundiert wesentlich leichter durch Gewebe als Sauerstoff (s. Tabelle), der Gasaustausch ist mit viel geringeren Partialdruckdifferenzen zu bewerkstelligen (pO2 arteriell ~100 mmHg, venös ~40 mmHg, Unterschied 60 mmHg; pCO2 arteriell ~40 mmHg, venös ~46 mmHg, Unterschied 6 mmHg).
 
Diffusionskapazität (Ruhewerte) O2
15-20 ml / min / mmHg
CO
~20 ml / min / mmHg
CO2 ~200 ml / min / mmHg
  
Da Sauerstoff und Kohlenmonoxid ähnliche Werte für ihren Diffusionsquotienten aufweisen (Tabelle), kann CO (in geringen Mengen: siehe unten) für die Quantifikation der Sauerstoff-Diffusionskapazität verwendet werden.

      Im Ruhezustand werden je Minute 5 Liter Alveolarluft erneuert (alveoläre Belüftung), und 5 Liter Blut fließen durch die Lungen (Durchschnittswerte für Erwachsene). Das Belüftungs-Durchblutungs-Verhältnis (Ventilations-Perfusions-Quotient ) beträgt in diesem Fall 1 (5/5).

       Bei körperlicher Belastung nimmt die Belüftung (alveoläre Ventilation) stärker (bis 20fach) zu als die Durchblutung (Herzminutenvolumen: bis 5fach), das Ventilations-Perfusions-Verhältnis steigt dann auf ~4 (20/5) an - bei Hochtrainierten auch auf höhere Werte. Bei zunehmender Belastung nimmt der Unterschied zwischen Sauerstoffpartialdruck in Alveolen und Kapillaren zu, die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins ab (<Abbildung).
    

<Abbildung: Auswirkung von Positionswechsel (Aufstehen) und körperlicher Arbeit auf Drucke, O2-Sättigung, pA
CO2 und Partialdruckgefälle
Nach einer Vorlage in Herring / Paterson, Levick's Introduction to Cardiovascular Physiology, 6th ed. 2018

Oben: Ein Wechsel vom Liegen zu aufrechter Körperposition (Orthostase) lässt die Blutdruckwerte in der Lunge sinken, weil der venöse hydrostatische Indifferenzpunkt tiefer liegt als das Thoraxniveau. Bei zunehmender Arbeitsbelastung steigen die Drucke mit dem Herzzeitvolumen an.
 
Darunter: Die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins sinkt mit Ausbelastung um etwa 3%, da der O2-Partialdruckgradient zur Alveolarluft von 3 auf 20 mmHg zunimmt (ganz unten)
 
Der arterielle pCO2 nimmt bei körperlicher Arbeitsbelastung infolge der stark erhöhten Ventilation von ~40 auf ~30 mmHg ab


Gaszusammensetzung: Das Gas in den Alveolen (Alveolarluft) ist je nach dem Verhältnis von Atmung und Durchblutung unterschiedlich zusammengesetzt. Bei ungehinderter Diffusion gleichen sich die Partialdrucke in den Kapillaren denen in der Alveolarluft an.

In einem schlecht durchbluteten, aber gut belüfteten Lungenabschnitt (in der oberen Abbildung rechts) sind die Gaspartialdrucke ähnlich der in der Einatmungsluft; aus solchen Zonen kommt wenig, aber sauerstoffreiches Blut.

Anders in gut durchbluteten Lungenabschnitten, die gering belüftet sind: Sie enthalten viel, aber mäßig arterialisiertes Blut, die Partialdrucke nähern sich den Werten venösen Blutes an.

Der Atemgastransport hängt von Menge und Zustand des Hämoglobins ab. Die Hämoglobinmenge nimmt ab bei
 
     Störungen der Hämoglobinbildung (Mangel an Eisen, Vitamin-B-Komplex, Nahrungseiweiß) oder
 
     starkem Blutverlust

Anämien (=vermindertes Sauerstoff-Transportvermögen des Blutes) sind meist Zeichen einer nicht-hämatologischen Problematik (Infektion, Fehlernährung, chronischer Blutverlust).
 

Sauerstoff wird gegen CO2 in fast äquimolaren Mengen ausgetauscht
 
Pro Minute verbraucht der Erwachsene in Ruhe etwa 0,3 Liter Sauerstoff und gibt rund 0,25 Liter CO2 an seine Umgebung ab. Die O2-aufnahme steigt bei körperlicher Auslastung, anhängig vom Trainingszustand bis über zehnfach (auf ≥3 Liter pro Minute).

Das Zahlenverhältnis CO2-Abgabe / O2-Aufnahme heißt respiratorischer Quotient (RQ); sein Betrag hängt vom Stoffwechselzustand ab. Im theoretischen Fall, dass der Energiestoffwechsel ausschließlich Kohlenhydrate oxydiert, beträgt der RQ 1,0, was aus der Gleichung

C6H12O6 + 6 O2 <=> 6 CO2 + 6 H2O

verständlich wird (Äquimolarität O2 und CO2). Werden andererseits nur Fette (die im Molekül weniger Sauerstoff enthalten als Zucker) für den Energiestoffwechsel herangezogen, sinkt der RQ auf einen Wert von 0,7. Würden nur Aminosäuren oxydativ abgebaut, betrüge der RQ 0,81.

Bei einer durchschnittlichen (mitteleuropäischen) Kost mit einem entsprechenden Muster von Substraten, die für die Energiegewinnung metabolisiert werden, ergibt sich ein RQ von ~0,83; dieser Wert kann im steady state (Fließgleichgewicht) annäherungsweise angenommen werden, sofern nicht eine außergewöhnliche Stoffwechselsituation besteht.

Diese Überlegungen gelten für einen unter körperlicher Ruhe bestehenden Gleichgewichtszustand. Bei körperlicher Belastung treten zusätzliche Einflüsse auf den Säure-Basen-Haushalt auf (Pufferung saurer Valenzen - wie Laktat -, Abatmung von CO2als respiratorische Kompensation), und der RQ spiegelt dann die Utilisation der Substrate im Energiestoffwechsel nicht mehr wider.

 
Regulation Belüftung / Durchblutung (Ventilations-Perfusions-Koeffizient)
    
Aus hydrostatischen Gründen ist der Druck im Pleuraspalt in jeweils "oben" gelegenen Abschnitten (im Sitzen oder Stehen: im Bereich des Lungenapex, also kranial) stärker negativ (bezogen auf den Außendruck) als in jeweils "unten" gelegenen Abschnitten (im Bereich der Lungenbasis, also kaudal): Typischerweise -8 cm H2O (-0,8 kPa) vs. -3 cm H2O (-0,3 kPa).
 

>Abbildung: Perfusionsgradient in der Lunge in aufrechter Körperposition
Nach einer Vorlage in Herring / Paterson, Levick's Introduction to Cardiovascular Physiology, 6th ed. 2018

Das Herzniveau liegt bei "0". Hier beträgt der diastolische arterielle Druck (pd) 13 cm H2O (~9 mmHg). In 13 cm Höhe über dem Herzen beträgt der diastolische Druck 0 (=atmosphärischer Außendruck). Darüber (im Bereich der Lungenspitze) ist der Außendruck während der Diastole größer als der Innendruck, die Gefäße kollabieren, die Blutströmung ist unterbrochen


Die hydrostatischen Druckverhältnisse haben zur Folge, dass im Sitzen oder Stehen eine Zone im apikalen Lungenbereich besteht, in welcher der diastolische Blutdruck nicht ausreicht, um die Gefäße geöffnet zu halten; daher ist die Perfusion dieser Gebiete während der Diastole unterbrochen (>Abbildung).

Ventilation findet hier während der ganzen Zeit statt: Man kann sagen, die Lunge - ohnehin durch elastische Kräfte bestrebt, sich zusammenzuziehen - "hängt" an den apikalen Partien der Thoraxwand und erzeugt hier einen stärkeren Sogeffekt als an den basalen Abschnitten.

Das hat zur Folge, dass die Alveolen im Bereich der Lungenspitze stärker aufgedehnt sind als in der Lungenbasis; dementsprechend ist ihre Dehnbarkeit (Compliance) geringer als die der basalen Alveolen, und sie werden bei der Atmung geringer geweitet als letztere. Das bedeutet wiederum: Die alveoläre Ventilation ist - bezogen auf die einzelnen Lungenbläschen - "unten" besser als "oben".

Das gilt auch für andere Körperpositionen: z.B. ist in linker Seitenlage die rechte Lunge "oben" - mit stärkerem pleuralem Unterdruck und relativ geringer alveolärer Ventilation als in der linken Lunge, die "unten" zu liegen kommt. Analoges gilt für die Durchblutung: Pulmonale Blutgefäße - vom P-Typ, also in ihrer Dehnung dem hydrostatischen Druck folgend - sind "unten" stärker geweitet und folglich besser durchblutet als "oben".


<Abbildung: Belüftung und Durchblutung in verschiedenen Lungenabschnitten bei aufrechter Körperlage
Nach John B. West: Ventilation / Blood Flow and Gas Exchange, Blackwell 1985

Sowohl die Durchblutung (Perfusion) als auch die Belüftung (Ventilation) nehmen in der Lunge im Stehen oder Sitzen nach oben hin (Lungenspitze) ab, jedoch mit unterschiedlicher Steilheit (Ordinate: Strömung bezogen auf Lungenvolumen, Abszisse: Anatomische Lage).

Daraus resultiert ein niedriger Ventilations-Perfusions-Quotient in der Lungenbasis (~0,6; links im Bild), ein hoher in der Lungenspitze (~3,0; rechts im Bild). Die Zunahme des Quotienten von der Lungenbasis zur Lungenspitze ist nichtlinear.

     Zu hydrostatischen Druckschichtungen im Kreislauf s. dort


Ventilations-Perfusions-Quotient (-Koeffizient; <Abbildung): Blutprobenanalysen aus verschiedenen Lungenabschnitten geben Auskunft über deren jeweiliges Belüftungs-Durchblutungs-Verhältnis:

     Basal (unten) liegende Lungengefäße sind (bei aufrechter Körperlage) besser durchblutet, weil sie dem erhöhten (hydrostatischen) Druck nachgeben (Gefäße vom "Lungen"- oder P-Typ) und das Blut weite Gefäße bevorzugt (geringerer Strömungswiderstand). Der arterielle und venöse Blutdruck ist hier höher als der alveoläre, die Geföäße sind immer geöffnet. Dieses unten liegende Lungenareal mit stets offenen Gefäßen wird als Zone III bezeichnet.

Gleichzeitig sind die Alveolen in diesem Bereich (bei aufrechter Körperlage) gering entfaltet (das Gewebe ist intensiv mit Blut gefüllt) und gut dehnbar; sie werden daher auch relativ gut belüftet (die Belüftung der Alveolen steigt mit ihrer Compliance, d.h. wenn sie wenig gedehnt sind).

Die Perfusion ist basal hoch - die Ventilation auch, aber nicht in demselben Ausmaß. Der Ventilations-Perfusions-Koeffizient ist niedrig (~0,6), das Blut wird wegen der O2-Bindungskurve des Hämoglobins dennoch gut arterialisiert.

     Apikal (oben) liegende Lungengefäße sind (bei aufrechter Körperlage) aus hydrostatischen Gründen nur während der systolischen Druckspitzen durchblutet - der (transmurale) Druck ist gering, die Gefäße eng (hoher Strömungswiderstand) oder kollabiert. Dieses oben liegende Lungenareal mit kollabierten Gefäßen wird als Zone I bezeichnet. Die Alveolen sind hier geweitet, daher weniger dehnbar, und weniger gut belüftet.

Die Perfusion ist apikal niedrig - die Ventilation auch, aber nicht in demselben Ausmaß. Der Ventilations-Perfusions-Koeffizient ist hoch (~3,0), das Blut wird extrem gut arterialisiert (pO2 > 100 mmHg).

Eine Übergangsregion in der Mitte zwischen Zone I und III hat phasenweise verengte Gefäße, da hier der alveoläre Druck über dem venösen, aber unter dem arteriellen liegt - die Gefäße werden intervallweise durchblutet (Zone II).
   
Bei aufrechter Körperposition sind die Lungenspitzen am schwächsten, die Lungenbasis am stärksten durchblutet.
 
Grund ist der hydrostatische Druckunterschied und der Umstand, dass sich die Lungengefäße druckpassiv verhalten (Typ P).




Bei körperlicher Belastung nimmt die Durchblutung der Lunge zu, was Kapillaren öffnet, die vorher kollabiert waren (insbesondere in der Lungenspitze: Zone I). Das bedeutet auch, dass vorher nicht perfundierte Alveolen einbezogen werden und der funktionelle Totraum abnimmt.

  Mehr zur Durchblutung der Lunge s. dort
 
Weitere Einflussfaktoren auf die Atemtätigkeit
 

       Einfluss der Körperlage auf Durchblutung und Arterialisierung: Im Sitzen und Stehen kommt aus der Lungenspitze wenig, aber sauerstoffreiches Blut, aus der Lungenbasis viel, aber etwas sauerstoffärmeres Blut. (Dies gilt für aufrechte Körperhaltung, also Orthostase. Bei Seitenlage ist die Situation anders - z.B. kommt bei rechter Seitenlage sauerstoffreicheres Blut aus der linken (oberen) Lunge, bei linker Seitenlage aus der rechten.

     Bei körperlicher Belastung steigen sowohl die Belüftung (bis ~20-fach) als auch die Durchblutung (Herzminutenvolumen bis 4-5fach) an, und es verringert sich der Ventilations-Perfusions-"Mismatch" - der Sauerstoffpartialdruckunterschied Lungenspitze - Lungenbasis nimmt ab. (Ähnliches gilt für den schwerelosen Zustand.)
 

>Abbildung: Autonom-nervöse Steuerung der Bronchienweite

Der dorsale Vaguskern sendet parasympathische Impulse zu Brust- und Baucheingeweiden; der ebenfalls viszeromotorische und herzwirksame nucl. ambiguus beeinflusst u.a. die oberen Atemwege.
 
Rot: Sympathisch-präganglionär, violett: sympathisch-postganglionär, blau: parasympathisch


  Sinkender pO2 und steigender pCO2 erweitert die Bronchiolen, dadurch wird die Belüftung optimiert. Sinkender pO2 kontrahiert andererseits die Gefäße (Euler-Liljestrand-Mechanismus ), schlecht belüftete Lungenabschnitte sind gering durchblutet. Dadurch wird Blut in besser belüftete Lungenabschnitte umgeleitet.
     
Pulmonale Arteriolen reagieren auf Hypoxie mit Vasokonstriktion.
  
Generelle Antwort auf Hypoxie: Sauerstoffmangel reduziert das arterielle O2-Angebot (Hypoxämie: Kritische Sättigung 12 Vol-%, Normalwert 19-20 Vol-%) und erhöht über pulmonale Vasokonstriktion (Pumonalgefäße kontrahieren bei sinkendem pO2) den Blutdruck in der Lunge.

Es kann dazu kommen, dass der Kapillardruck so stark ansteigt, dass Flüssigkeit ins Interstitium austritt (
erhöhtes Lungengewicht), bei noch höherem Druck in die Alveolen (Lungenödem). Geschieht dies infolge Aufenthalts in großer Höhe, spricht man von Höhenödem.
 
  Durch Wirkung auf β2-Rezeptoren senken Katecholamine (vor allem Adrenalin) den Tonus der glatten Muskelzellen der Atemwege (>Abbildung; Sympathikusaktivität, Anregung des Nebennierenmarks); der Atemwegwiderstand sinkt, die Atmung wird erleichtert, allerdings auf Kosten einer vorübergehenden Senkung der Schutz- und Reinigungsfunktion (mukoziliäre Clearance).



 
Hämoglobin ist schon bei einem pO2 von 10 kPa (75 mm Hg), der Hälfte des arteriellen Normalwerts, weitgehend mit Sauerstoff gesättigt. Der alveoläre pO2 liegt deutlich über diesem Wert. Dennoch kann Beatmung mit reinem Sauerstoff sinnvoll sein:

     Sauerstoffbeatmung kann dazu dienen, ein Diffusionshindernis in der Lunge zu überwinden. (Diffusion nimmt mit dem Partialdruckunterschied zu: Diffusionsgesetz.)

Kohlenmonoxidvergiftung: Sauerstoffbeatmung kann auch dazu dienen, ein Gas aus dem Blut kompetitiv zu verdrängen, z.B. Kohlenmonoxid (CO). Kohlenmonoxid bindet >300mal stärker an Hämoglobin als O2 und blockiert damit den Sauerstofftransport. Bei einem normalen pO2 von 100 mm Hg ist das Hämoglobin bereits zur Hälfte blockiert, wenn der pCO 0,3 mm Hg beträgt - entsprechend einem Volumenanteil in der Atemluft von nur 0,04 Volums-% oder ~400 ppm (Tabakrauch!).

Sauerstoffbeatmung kann bei CO-Vergiftung auch hyperbar erfolgen (Überdruckkammer), um CO vom Hämoglobin zu bekommen und den O2-Transport bei CO-Vergifteten rascher wiederherzustellen.
 
    Als gesundheitsgefährdend gelten CO-Werte ab 100 ppm (ergibt ~4% COHb), als Arbeitsplatzgrenzwert wurden 30 ppm festgelegt; bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen liegen die tolerierbaren Grenzwerte generell niedriger.
 

 
      Belüftung (VA) und Durchblutung (Q) der Alveolen müssen aufeinander abgestimmt sein, um optimalen Gasaustausch zu erzielen. Die Kontaktzeit zwischen Blut und Alveolarluft beträgt <1s (bei körperlicher Ausbelastung ~0,3s). Die Partialdrucke in den Kapillaren gleichen sich denen in der Alveolarluft an. Der Ventilations / Perfusions-Quotient (VA/Q) liegt im Ruhezustand bei oder etwas unter 1,0, bei maximaler Belastung bei ~4 (20/5). Bei Ruhe ist nur ein Teil der Alveolarkapillaren durchblutet (funktionelle Reserve), bei steigendem Herzzeitvolumen nimmt ihre Perfusion zu. Hochtrainierte haben eine homogenere Durchblutungsverteilung in der Lunge als Untrainierte
 
      Die Diffusionskapazität gibt an, wie gut ein Gas zwischen Alveolarluft und Blut diffundiert (O2: 15-20, CO2: ~200 ml/min/mmHg). Ihr Betrag steigt bei körperlicher Belastung (3-facher Anstieg der Austauschoberfläche, 4-5facher der Durchblutung, sinkender Strömungswiderstand im Lungenkreislauf). Das Gas in den Alveolen ist je nach dem Verhältnis von Atmung und Durchblutung unterschiedlich zusammengesetzt. In schlecht durchbluteten, aber gut belüfteten Lungenabschnitten sind die Gaspartialdrucke ähnlich der in der Einatmungsluft (Resultat: wenig, aber sauerstoffreiches Blut). Gut durchblutete, aber gering belüftete Lungenabschnitte produzieren mäßig arterialisiertes Blut (viel, aber inkomplett arterialisiertes Blut)
 
      In Ruhe braucht eine erwachsene Person ~0,3 l Sauerstoff und gibt ~0,25 l CO2 ab. Der respiratorischer Quotient (RQ) ist das Zahlenverhältnis von CO2-Abgabe zu O2-Aufnahme, sein Betrag hängt vom Stoffwechselzustand ab. Werden ausschließlich Kohlenhydrate oxydiert, beträgt er 1,0, sind es ausschließlich Fette, 0,7. Bei gemischter Energiegewinnung (normale Kost) ergibt sich ein RQ von ~0,83 (0,25/0,3). Bei körperlicher Belastung verändern Einflüsse auf den Säure-Basen-Haushalt den RQ-Wert (Pufferung saurer Valenzen, Abatmung von CO2 als respiratorische Kompensation)
 
      Schwerkraftbedingt ist der Druck im Pleuraspalt in oben gelegenen Abschnitten stärker negativ als in unten gelegenen, etwa -0,8 vs. -0,3 kPa ("oben" und "unten" bezieht sich jeweils auf die Richtung der Schwerkraft). Dadurch sind oben gelegene Alveolen stärker aufgedehnt und werden bei der Einatmung geringer geweitet als unten gelegene; unten gelegene werden besser belüftet. Analoges gilt für die Durchblutung: Pulmonale Blutgefäße (vom "passiven" P-Typ) sind unten stärker geweitet und besser durchblutet als oben: Bei aufrechter Körperlage sind die Lungenspitzen am schwächsten, die Lungenbasis am stärksten durchblutet. Die höhenabhängige Änderung der Durchblutung ist stärker als die der Belüftung, daher ist der Ventilations- Perfusions- Quotient oben hoch (~3,0), unten niedrig (~0,6). Blutprobenanalysen aus verschiedenen Lungenabschnitten geben Auskunft über deren jeweiliges Belüftungs- Durchblutungs- Verhältnis: Blut aus "oberen" Lungenabschnitten ist besonders gut arterialisiert. Bei körperlicher Belastung steigen sowohl Belüftung (bis ~20-fach) als auch Durchblutung (bis 4-5fach) an, und es verringert sich der Ventilations-Perfusions-"Mismatch" - der Sauerstoffpartialdruckunterschied Lungenspitze - Lungenbasis nimmt ab
 
      Hypoxie bewirkt pulmonale Vasokonstriktion (Euler-Liljestrand- Mechanismus: schlecht belüftete Lungenabschnitte sind gering durchblutet, Blut fließt in besser belüftete Lungenabschnitte). Generelle Hypoxie führt zu pulmonaler Hypertonie, der Kapillardruck steigt, Flüssigkeit tritt in das Interstitium aus, bei noch höherem Druck in die Alveolen (Lungenödem)
 
      Adrenalin senkt über β2-Rezeptoren den Tonus der Bronchien, der Atemwegwiderstand sinkt, die Atmung wird erleichtert (Stress, Belastung)
 

 

Eine Reise durch die Physiologie


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