Spezielle Endokrinologie

Wirkungsspektrum der Schilddrüsenhormone, Hyper- und Hypothyreose

 
 
© H. Hinghofer-Szalkay

Follikel: folliculus = Hülle, Hülse, Ledersack
Pendrin: Vaughan Pendred
Thyreoidea: θυρεός = türähnliches (θυρα = Türe) Schild (Schilddrüse), εἶδος = ähnlich, verwandt
Transthyretin: transports thyroxine and retinol




Trijodthyronin (T3) ist die biologisch aktive, Thyroxin (T4) die Transportform (Blut) des Schilddrüsenhormons. Beide Formen sind im Extrazellulärraum weitgehend an Protein gebunden; T3 zu ≥99,5% (Halbwertszeit 1 Tag), T4 sogar zu ≥99,95% (Halbwertszeit 1 Woche).

Die Konstruktion der Schilddrüse ist angesichts schwankenden Jodangebotes in der Ernährung auf hormonelle Speicherkapazität ausgelegt: Die hormonbildenden Epithelzellen sind um einen zentralen Follikel angeordnet, in dessen Matrix (das Kolloid) sie ein Trägereiweiß (das Thyreoglobulin) produzieren, auf dem die Hormonmoleküle zusammengesetzt und jodiert werden. Wird Hormon im Organismus benötigt, resorbieren die Epithelzellen aus diesem Speicher und reichen T3/T4 an das Blut weiter.

Das hypothalamisch-hypophysäre System mit seinen Steuersubstanzen TRH (magnozelluläre Zellen im nucl. paraventricularis) / TSH (Adenohypophyse) reagiert auf den aktuellen T4/T3-Spiegel im Blut und wird von zahlreichen weiteren Faktoren beeinflusst; beispielsweise regt Leptin die Expression von TRH an.

Das Wirkungsspektrum der Schilddrüsenhormone ist enorm breit: Dazu gehört Förderung von Entwicklung, Differenzierung und Wachstum; Stimulierung des Stoffwechsels; Anregung von Atmung und Kreislauf; Beschleunigung der Muskelfunktion etc.


Überblick Wirkungen Bildung, Jodierung, Transport & Ausscheidung Blutwerte Klinische Aspekte
 

>Abbildung: Achse Hypothalamus - Hypophyse - Schilddrüse - Peripherie
Nach: Biopndi B et al, Thyroid-hormone therapy and thyroid cancer: a reassessment. Nature Clin Pract Endocrinol Metab 2005; 1: 32-40


Sezerniertes Tetrajodthyronin (T4) wird in Trijodthyronin (T3) konvertiert und dadurch im Gewebe wirksam. Dejodinasen bauen Jod vom Hormonmolekül ab, sie finden sich so gut wie in allen Organen. Typ-1-Dejodinase (D1) wird in Schilddrüse, Leber und Nieren gebildet; diese Organe geben T3 an das Blut ab. Typ-2-Dejodinase (D2) kommt in der Schilddrüse, in Herz- und Skelettmuskel, Gehirn und Hirnanhangdrüse vor

TRH, Thyreoliberin 
    TSH, Thyreotropin     SRIH, Somatostatin
Die Schilddrüse einer erwachsenen Person wiegt etwa 20 Gramm. Sie fördert über die Schilddrüsenhormone (Trijodthyronin T3, Thyroxin T4) Wachstum, Entwicklung und Stoffwechsel durch Anregung der Eiweißsynthese (Bildung von Enzymen, Membrantransportern,..). Schilddrüsenhormon enthält Jod und wird in Schilddrüsenfollikeln - gebunden an ein Eiweiß, Thyreoglobulin - gespeichert, um bei Bedarf rasch abgegeben werden zu können. Der Hormonvorrat in den Follikeln kann bis für ≈10 Monate reichen.

Steuerung: Neben der

      hormonellen Kontrolle durch TSH

ist d
ie Schilddrüse

      noradrenerg (Anregung der Hormonproduktion),

      cholinerg (Hemmung der Hormonproduktion) und

      peptiderg (VIP: Verstärkung TSH-induzierter Hormonproduktion) innerviert.
 
 
 
1909  wurde dem Schweizer Chirurgen Theodor Kocher den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen, und zwar für seine Arbeiten "über Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse". Noch im späten 19. Jahrhundert war eine Entfernung der Schilddrüse mit einer hohen Mortalität behaftet. Kocher, der etwa 5000 Thyroidektomien durchführte, senkte die Mortalitätsrate auf weniger als 0,5%, indem er äußerst vorsichtig und unter Schonung der Nebenschilddrüsen vorging. Er stellte fest, dass eine vollständige Entfernung des Schilddrüsengewebes schwere Folgen (Kretinismus) zeitigt und schuf die Grundlagen zum Verständnis der Wirkung der Schilddrüsenhormone.

Thyroxin wurde erstmals 1914 von Edward C. Kendall aus Schilddrüsenextrakten gewonnen. Kendall erhielt 1950 den Nobelpreis - nicht für seine frühen Arbeiten mit der Schilddrüse, sondern zusammen mit Tadeus Reichstein und Philip S. Hench "für ihre Entdeckungen bei den Hormonen der Nebennierenrinde, ihrer Struktur und ihrer biologischen Wirkungen".




 
  Wie wirken Schilddrüsenhormone?


 
Da Schilddrüsenhormone lipophil sind, gelangen sie durch die Membran aller Zellen und sind daher ubiquitär aktiv. Ihre Rezeptoren im Zellkern sind Transkriptionsfaktoren, die besonders für T3 hohe Affinität aufweisen. Hat das Hormon an diesen Rezeptor gebunden, lagert sich der Komplex an eine DNS-Sequenz im Promotorbereich, das Thyroid hormone response element (TRE), an. Dadurch wird die Transkription der entsprechenden Gensequenzen freigegeben, und die Proteinsynthese läuft an.

  
  Zeitabhängigkeit: Dieser Vorgang braucht Zeit, Effekte auf Wachstum und Reifung treten verzögert auf (Stunden). Es gibt auch rasche Effekte (Minuten), die über membrangebundene, motochondriale und Zytoskelett-Komponenten greifen.

     Dosisabhängigkeit: Mäßige T3-Konzentrationen steigern, hohe T3-Werte senken die Proteinsynthese (und steigern die Proteolyse sowie den Kalkabbau im Knochen).

Eines der Produkte der T3-induzierten Proteinsynthese ist die Na/K-ATPase, sodass Schilddrüsenhormone auf diesem Wege den Energieumsatz steigern. Durch eine Induktion des ß-Rezeptor-Systems wirken
Schilddrüsenhormone am Herzen positiv chronotrop (Tachykardie bei Hyperthyreose!) und inotrop (erhöhte Pumpleistung).
 

<Abbildung: Wirkung der Schilddrüsenhormone an Zielzellen
Nach einer Vorlage in Boron / Boulpaep, Medical Physiology, 3rd ed., Elsevier 2016

Freie (ungebundene) Hormonmoleküle betreten die Zelle - ihrem Konzentrationsgradienten folgend - diffusiv oder über Carrier-vermittelten Transport (MCT8: Monocarboxylate transporter 8, auch SLC16A2 - neurologische Symptomatik bei Mutation). Eine intrazelluläre Dejodinase verwandelt das meiste T4 zu T3, sodass deren intrazelluläre Konzentrationen etwa gleich groß sind.

In der Zelle binden Rezeptormoleküle, und zwar T3 stärker (90%) als T4 - dies ist Voraussetzung für die Hormonwirkung. Die Bindung an die DNS (bzw. dessen Thyroid response element, das in der Region der Zielgene liegt) erfolgt vorzugsweise als Dimer mit dem Retinoid X-Rezeptor (dadurch gibt dieser die Bindung an einen Ko-Repressor auf).

Der Effekt dieser Vorgänge ist die Freigabe der
Transkription und Proteinsynthese entsprechend den Zielgenen, z.B. Na-K-ATPase, Enzyme etc.

Die Wirkungen der Schilddrüsenhormone sind z.T. kurz-, z.T. langfristig:

     Kardiopulmonales System: Anregung von Atmung und Kreislauf (Atemgastransport), Erhöhung der Sensibilität des Herzmuskels für Katecholamine ( positiv inotrope / chronotrope Wirkung: Kräftigung, Pulsbeschleunigung), bei Überschuss Kardiotoxizität). Normale Schilddrüsenhormonspiegel tragen zu einer optimalen Herzfunktion bei (chronische Hypothyreose kann zu Herzdilatation und gestörter Koronardurchblutung führen), und Hormonbehandlungen können Herzschwäche bekämpfen helfen (wobei die Gefahr von Überdosierung mit Arrhythmie und plötzlichem Herztod besteht).

Die kardioprotektiven Wirkungen der Schilddrüsenhormone beruhen auf zahlreichen Effekten an Herzmuskelzellen (Kontraktilität, Relaxation etc), Blutgefäßen (Angiogenese, Koronarperfusion etc), im Energiestoffwechsel (Mitochondrienbildung, Glukoseutilisation etc) und an der extrazellulären Matrix.

     Stoff- und Energiewechsel: Erhöhter Grundumsatz (früher: Schilddrüsenfunktionsdiagnostik); Förderung des Cholesterinabbaus, Steigerung der Proteinsynthese (wichtig für Wachstum und Reifung), Erhöhung des Sauerstoffbedarfs, Erhöhung des Energieumsatzes (Glykogenolyse, Glukoneogenese, Lipolyse; Zunahme des Blutzuckerspiegels, der freien Fettsäuren, Abnahme der Triglyzeride im Blut; Abnahme der Insulinempfindlichkeit diabetogene Wirkung), Erhöhung der Körpertemperatur - bei Mangel Hypothermie, reduzierter Energieumsatz

     Muskulatur: Induktion von Proteinen, die am Kontraktionsmechanismus beteiligt sind; Verkürzung der Kontraktionszeit von Muskeln - bei Mangel Myopathie, Reflexverlangsamung

     Nervensystem: Stabilisierung der Erregbarkeit - bei Mangel Apathie, bei Überschuss gesteigerte Erregbarkeit (Schlafmangel,..)

     Darm: Steigerung der Motilität

     Grundsubstanz: Anregende Wirkung auf den Stoffwechsel der bindegewebigen Grundsubstanz (Glykosaminoglykane); bei Hormonmangel Myxödem

     Differenzierung und Wachstum: Anregung des Knochenstoffwechsels, Reifung des Nervensystems (insbesondere in der Embryogenese! Myelinisierung, Ausbildung von Dendriten) - beispielsweise sind Schilddrüsenhormone für die Ausbildung des Dendritenbaums der Purkinje-Zellen im Kleinhirn und der an ihm angreifenden Synapsen von Parallelfasern unabdingbar. - Bei chronischem Schilddrüsenhormonmangel treten schwere Wachstums- und mentale Retardierung ab der Kindheit auf ("Kretinismus")
 

>Abbildung: Wirkungsspektrum der Schilddrüsenhormone
Nach Mullur R, Liu YY, Brent GA. Thyroid Hormone Regulation of Metabolism. Physiol Rev 2014; 94: 355-82

TRH und TSH reagieren vorwiegend auf zirkulierendes T4, das in Hypothalamus und Hypophyse durch 5'-Dejodinase Typ 2 (D2) zu T3 verwandelt wird. Für den T3-Transport in das Gewebe ist der Monokarboxylattransporter 8 (MCT8) nötig.

Parvalbuminerge Neurone (links oben) - eine neu entdeckte Neuronengruppe - beteiligen sich direkt an der Regulierung von Kreislauf und Körpertemperatur.

Im hypothalamischen nucl. paraventricularis wirkt Leptin: Es regt die Phosphorylierung von Stat3 (
signal transducer and activator of transcription) an, das daraufhin die Expression von TRH stimuliert. T3-Behandlung bzw. Hyperthyreoidismus regt im hypothalamischen nucl. ventromedialis die Neusynthese von Fettsäuren an.

FAS = Fettsäuresynthase
    AMPK = AMP-aktivierte Proteinkinase

Dies aktiviert über den Sympathikus das braune Fettgewebe: Der ß3-Adrenozeptor (ß3-AR) regt die UPC-1- (Thermogenin-) Genexpression sowie D2-Aktivität an, und somit Wärmeabgabe und Gewichtsverlust. Über den Gallensäurerezeptor TGR5 (G protein-coupled bile acid receptor) könnten sich Gallensäuren daran beteiligen.

Im weißen Fettgewebe stimuliert T3 die Bildung von Noradrenalin, wodurch die Lipolyse gefördert wird (und die Körper-Fettreserven abnehmen).

In der Leber beteiligt sich T3 am Cholesterin- und Fettsäuremetabolismus.

HOMGCR, 3‐hydroxy‐3‐methylglutaryl‐CoA reductase     ACC1, acetyl‐CoA carboxylase 1     CYP7a1, cytochrome P‐450 7A1     CPT‐1α, carnitine palmitoyltransferase 1α     LDL‐R, low‐density lipoprotein receptor)

Im Muskel induziert FoxO3 (forkhead box O3) die Expression von D2, erhöht die T3-Konzentration im Gewebe und regt die T3-Zielgenexpression an. T3 stimuliert das sarkoplasmatische Retikulum; das regt den Energieumsatz an.

MHC =
myosin heavy chain    SERCA = sarcoplasmic reticulum Ca2+‐ATPase

Im Pankreas wird T3 / THR für die normale Entwicklung und Funktion benötigt.

MAFA =
v‐maf musculoaponeurotic fibrosarcoma oncogene homolog A - ein Schlüsselfaktor für die Reifung von Betazellen     CD1 = Cyclin 1 (Cycline beteiligen sich an der Steuerung des Zellzyklus



Ein wichtiger Bestandteil des Hormons ist Jod (in T3 drei, in T4 vier Jodatome pro Hormonmolekül). Ausreichende Jodaufnahme ist Voraussetzung für eine normale Schilddrüsenfunktion (Seefisch, Milch, Eier, jodiertes Kochsalz - die Jodidausscheidung sollte 100-200 µg/l Harn betragen, niedrigere Werte deuten auf Jodmangel, höhere auf überhöhte Jodidaufnahme und Hyperthyreoserisiko hin).
   

<Abbildung: Weg des Jodids aus dem Blut durch die Schilddrüsenepithelzelle zum Follikel (und zurück)
Nach einer Vorlage bei Pearson Education 2004

1 = Jodidaufnahme über Na-J-Symport (anionenhemmbar)    2 = Diffusion    3 = Oxidierung durch Peroxidase    4 = Pinozytose der Thyreoglobulin-T3/T4-Komplexe    5 = lysosomaler Abbau

  Die Follikelepithelzellen verfügen über einen ATP-abhängigen Natrium-Jodid-Kotransporter (Natrium-Jodid-Symporter, NIS; <Abbildung), welcher J- in der Zelle anreichert (Jodination, "Jodfalle"). Auf diese Weise kann Jodid in der Epithelzelle bis zum Hundertfachen der Serumkonzentration angereichert werden.

Auf der follikulären Seite verlässt Jodid die Zelle über Jodidkanäle und wird unter Mitwirkung einer Peroxidase in der apikalen Membran der Epithelzelle oxidiert. Im Follikel wird Jod vom tyrosinreichen Glykoprotein Thyreoglobulin - das vom Follikelepithel in das Kolloid sezerniert wurde - in die Tyrosinreste eingebaut (Jodisation). So entstehen Mono- und Dijodtyrosin, diese werden von der Peroxidase anschließend (unter Verbrauch von H2O2 und Abspaltung von Alanin) zu T3 und T4 zusammengebaut.

Am Thyreoglobulin findet sich vor allem Thyroxin (T4) angelagert, und T4 ist die vorwiegende Form des ins Blut abgegebenen Hormons.


Die extrazelluläre Hormonproduktion im Follikel-Kolloid - ein ungewöhnlicher Mechanismus - ermöglicht die Speicherung des Hormons, das ja lipophil und damit eigentlich nicht speicherfähig ist (die ebenfalls lipophilen Steroide werden auf Bedarf neu synthetisiert und sezerniert). Die Entwicklung dieses speziellen "Lagerungsmechanismus" hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Verfügbarkeit von Jod in der Nahrung nicht immer garantiert ist und das (jodierte) Hormon daher auf Vorrat angelegt wird. T3/T4 sind die einzigen lipophilen Hormone, deren Synthese auf einen essentiellen Bestandteil angewiesen ist.

   Schilddrüsenhormone verlieren ihre Wirksamkeit teils durch Abbau, teils durch Ausscheidung. Ihre lange Halbwertszeit erklärt sich durch die starke Proteinbindung, die sie vor der renalen Elimination schützt. Die proteingebundene Form ist auch eine Art der Speicherung, was mit der nicht permanenten Verfügbarkeit von Jod zusammenhängt (s. oben).

Die Inaktivierung durch Dejodase erfolgt vorwiegend in Leber- und Nierengewebe. T3/T4 werden aber auch direkt ausgeschieden - nach Glukuronierung / Sulfatierung über die Galle.






Thyreotropin
(Serum): s. dort

Thyroxin (T4) (Serum)
Gesamt 77-142 nM/l (50-120 µg/l)
Frei 10-23 pM/l (9-17 ng/l) oder 0,03-0,05%
Bindung an thyroxinbindendes Globulin (TBG), thyroxinbindendes Präalbumin (TBPA), Albumin
Biologische Halbwertszeit 6-10 Tage
Tagesproduktion (Schilddrüse) ca. 90 µg

Trijodthyronin (T3) (Serum)
Gesamt 1,4-2,8 nM/l, frei 0,3-0,5%
Bindung an thyroxinbindendes Globulin (TBG), thyroxinbindendes Präalbumin (TBPA), Albumin
Biologische Halbwertszeit ≈19 Stunden
Tagesproduktion (Schilddrüse) ca. 8 µg

≈80% des zirkulierenden T3 (≈25 µg/d) entstehen aus T4 (periphere Konversion)

Thyroxinbindendes Globulin (TBG) (Serum)
220-510 nM/l (13-30 mg/l)
Kinder bis 15a: 340-510 nM/l (20-30 mg/l)
Erniedrigt z.B. bei Stress, Katabolismus, Einnahme diverser Medikamente; erhöht z.B. bei Neugeborenen, bei Östrogeneinfluss - Schwangerschaft, Pille -, etc


       T3

Das metabolisch aktive Schilddrüsenhormon ist Trijodthyronin (T3); es wird peripher (z.T. in der Leber) aus T4 gebildet. Es ist kurzlebiger (Halbwertszeit ≈1 Tag) als T4 (≈7 Tage), kommt leichter durch Zellmembranen (ein Jod weniger) und hat die höhere biologische Wirksamkeit. T3 im Plasma stammt zu ≈20% direkt aus der Schilddrüse, zu ≈80% entsteht es peripher aus T4.

Praktisch alle Körperzellen verfügen T3-Hormonrezeptoren; viele Gene werden erst exprimiert, wenn T3 im Zellkern vorhanden ist.

 
        T4

Thyroxin (T4
, Tetrajodthyronin) ist das Prohormon von T3 und die führende Form des Schilddrüsenhormons im Blut. Wegen seiner längeren Halbwertszeit ist es die "Depotform". Es ist leichter dosierbar und wird daher bei Substitutionstherapien verabfolgt (die Umwandlung in das wirksamere T3 erfolgt ohnehin in der Peripherie).



T4 bewirkt negative Rückkopplung über Hypothalamus und Hypophyse (>Abbildung oben).

Hormonmobilisierung: Benötigt der Körper Schilddrüsenhormon, endozytieren Follikelepithelzellen das hormonhältige Thyreoglobulin, führen es einer lysosomalen Proteolyse zu und geben die dabei freigesetzten Hormonmoleküle an das Blut weiter. Das Verhältnis freien T4 / T3 beträgt bei der Sekretion etwa 10/1, d.h. die Schilddrüse sezerniert in erster Linie T4.

Diese Resorption wird durch TSH (Thyreotropin) aus dem Hypophysen-Vorderlappen angeregt (TSH-Rezeptoren am Follikelepithel). T3 und T4 hemmen umgekehrt durch negative Rückkopplung die Freisetzung von TSH und auch die Bildung von TRH (Thyreotropin-Releasing-Hormon) aus dem Hypothalamus (>Abbildung oben).
  Aus der Schilddrüse wird vorwiegend T4 freigesetzt, hingegen ist T3 die bei weitem wirksamere Hormonform. Dejodinasen der Zellen am Angriffsort können aus T4 durch Abspaltung eines Jodatoms T3 erzeugen (dabei entsteht äquimolar das unwirksame reverse Hormon, rT3). Dejodinasen aktivieren (T4 zu T3) und inaktivieren Schilddrüsenhormone (z.B. T3 zu T2). Diese selenabhängigen Enzyme unterliegen zahlreichen Steuerungseinflüssen.

  Typ-1-Dejodinase (D1) wird in Schilddrüse, Leber und Nieren gebildet; diese Organe geben T3 an das Blut ab. D1 bauen von beiden Ringen am Molekül Jod ab

  Typ-2-Dejodinase (D2) kommt in der Schilddrüse, Herz- und Skelettmuskel, Gehirn und Hirnanhangdrüse vor. Hier erfolgt die Entfernung von Jod nur vom außengelegenen Ring am Hormon
 


Transport im Blut: Die Schilddrüsenhormone werden im Blutplasma zum Großteil an Eiweiß gebunden transportiert: T4 zu >99,9%, T3 zu >99%. Nur Bruchteile eines Prozent sind freies Hormon (fT4, fT3).

      Spezifische Affinität hat das thyroxinbindende Globulin (TBG); es bindet äquimolar, d.h. ein Molekül TBG bindet ein Schilddrüsenhormonmolekül. Seine Konzentration im Serum beträgt ≈0,3 µM/l.

      Weiters lagern sich Hormonmoleküle an Albumin an.

      Dazu kommen weitere Transporter: Transthyretin , das T4 bindet (ursprünglich als Präalbumin bezeichnet), und

      Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG).

Diese binden und transportieren Schilddrüsenhormon in nichtspezifischer Weise durch den Kreislauf.
All diese Transporter werden von Leberzellen synthetisiert.

Wegen dieser starken Bindung werden die Schilddrüsenhormone in der Niere kaum filtriert und gelangen auch sonst nur in kleinen Portionen ins Gewebe, dies erklärt ihre lange Halbwertszeit (T4 ca. eine Woche, T3 wegen der geringeren Bindungsaffinität ≈1 Tag).

 

>Abbildung: Transthyretin-Kreislauf
Nach einer Vorlage bei Saravaia MJM, Synthesis, circulation and uptake of transthyretin. Expert Rev Mol Med 2002 (journals.cambridge.org)

Das "Präalbumin" Transthyretin wird als Tetramer in den liquor cerebrospinalis (plexus chorioideus) und ins Blut (Leber) sezerniert. Im Blut liegt es an retinolbindendes Globulin, ein wenig auch an HDL gebunden vor. Der Abbau erfolgt in Leber, Nieren (über Megalin), Muskeln und Haut

Transthyretin (TTR) kann sowohl Thyroxin als auch Retinol binden (daher der Name) und wird

  im Gehirn vom plexus chorioideus in den liquor cerebrospinalis, und

  von der Leber in die Blutbahn sezerniert (>Abbildung).

  Das biologisch inaktive reverse T3 (rT3, <Abbildung) - das überall im Körper durch 5-Dejodination aus T4 gebildet wird - bindet viel schwächer an Serumproteine als T3 und T4, seine Halbwertszeit beträgt nur ≈4 Stunden.





 

>Abbildung: Struma
Nach einer Vorlage bei en.medixa.org/illnesses/struma



  Jodmangel ist die häufigste Ursache für eine Struma (=Schilddrüsenvergrößerung, Kropf). Das vermehrte Drüsenwachstum ist durch starke TRS / TSH-Freisetzung aus dem hypothalamisch-hypophysären System bedingt (negative Rückkopplung).

  In seltenen Fällen tritt eine Reizung des Schilddrüsengewebes durch Autoantikörper auf. Diese stimulieren den TSH-Rezeptor (Mb. Basedow).
 

<Abbildung: Schilddrüse und Nebenschilddrüsen

Der N. laryngeus ist bei operativen Eingriffen an der Schilddrüse gefährdet (Stimmlähmung!)

  T3-Mangel (Hypothyreose) erniedrigt Grundumsatz (bis 50%) und Wärmebildung, verlangsamt Atmung, Kreislauf und Hirnleistung, und bewirkt eine Ansammlung bindegewebiger Grundsubstanz im Unterhautgewebe (Myxödem). Schilddrüsenunterfunktion beeinträchtigt den Stoffwechsel: Es kommt zu Hypertriglyzeridämie, verminderte Muskelaktivität und Gewichtszunahme.

  Hormonmangel vor und nach der Geburt kann die geistige Reifung behindern und zu Debilität führen, einem Krankheitsbild, das als Kretinismus bezeichnet wird (Zwergwuchs, Intelligenzdefekte, Krampfneigung). Seine Entwicklung kann mit Substitution mit Schilddrüsenhormon verhindert werden. Einige Tage nach der Geburt überprüft man beim Baby daher routinemäßig (Kapillarblut aus der Ferse) die Schilddrüsen-Hormonkonzentration.

  Erhöhte T3-Konzentration (Hyperthyreose) führt zu vermehrtem Energieumsatz, erhöhter Körpertemperatur, Schweißsekretion, Ruhelosigkeit; der Grundumsatz kann bis zum Doppelten erhöht sein. Das Reizleitungssystem des Herzens kann gefährlich übererregbar werden (Thyreotoxikose).

  Das Pendred-Syndrom ist durch einen defekten Jodaustauscher (Pendrin , ein Anionen-Antiporter) bedingt und durch Taubheit und Bildung eines hypothyreotischen Kropfs gekennzeichnet.


Eine Reise durch die Physiologie


  Die Informationen in dieser Website basieren auf verschiedenen Quellen: Lehrbüchern, Reviews, Originalarbeiten u.a. Sie sollen zur Auseinandersetzung mit physiologischen Fragen, Problemen und Erkenntnissen anregen. Soferne Referenzbereiche angegeben sind, dienen diese zur Orientierung; die Grenzen sind aus biologischen, messmethodischen und statistischen Gründen nicht absolut. Wissenschaft fragt, vermutet und interpretiert; sie ist offen, dynamisch und evolutiv. Sie strebt nach Erkenntnis, erhebt aber nicht den Anspruch, im Besitz der "Wahrheit" zu sein.